»Ein Schloss muss es sein …«
Frau Ingeborg Hoffmann, Hausfrau und bisher Eigentümerin eines durchschnittlichen Reihenhauses, sprach diesen nicht ganz unbescheidenen Wunsch in vollem Ernst aus.
»Meinst du nicht, ein schönes neues Haus würde auch genügen?«, wandte Herr Hoffmann ein. »Es gibt da jede Menge Angebote auf dem Immobilienmarkt.«
Ingeborg Hoffmann schüttelte den Kopf. »Das brauchst du mir nicht zu sagen. Ich kenne den Immobilienmarkt.« Diese Aussage stimmte, denn die letzten Wochen hatte Ingeborg Hoffmann nichts anderes mehr getan, als die Internetseiten nach exklusiven Immobilien zu durchforsten. »Ich möchte kein ganz normales Haus!«
»Es könnte ja eine Villa sein«, schlug ihr Mann vor.
»Nein«, entschied seine Gattin. »Eine Villa finde ich auch zu bescheiden. Du darfst nicht vergessen, dass wir jetzt dank Onkel Günther reich sind!« Ihre Augen leuchteten. »Und zwar richtig reich! Millionenschwer, sozusagen.«
»Dein guter Onkel Günther, Gott hab ihn selig«, brummte Herr Hoffmann, um damit seine Anerkennung für den verstorbenen Verwandten auszusprechen, dessen Millionenerbe sie diesen unerwarteten Reichtum zu verdanken hatten.
Es war wirklich sehr nett von dem ihm unbekannten Onkel seiner Frau gewesen, ihnen das Geld zu vererben, wenngleich Herr Hoffmann langsam anfing, dieses Erbe als anstrengend zu empfinden. Bisher war er nämlich eigentlich ganz zufrieden mit ihrem normalen Leben gewesen, und insgeheim bedauerte er es ein wenig, dass seine Frau nun so ganz hoch hinaus wollte.
Was, um Himmels willen, sollten sie mit einem Schloss anfangen? Die Vorstellung erschien Herr Hoffmann abwegig. Allerdings war er zu gutmütig, um seiner Frau die Freude zu verderben.
Ingeborg Hoffmanns Augen wurden feucht. »Wenn ich daran denke, dass Onkel Günther mich als Kind nur ein einziges Mal auf den Knien gehalten hat, bevor er nach Silicon Valley ausgewandert ist, um dort sein Vermögen mit Computersoftware zu machen. Ich muss ein reizendes Baby gewesen sein.«
»Vermutlich liegt es ganz einfach daran, dass er selbst keine Kinder hatte und du seine nächste Verwandte bist«, wagte Herr Hoffmann zu bemerken und erntete sogleich einen empörten Blick.
»Ich bin überzeugt davon, dass er mich als Baby in Erinnerung behalten hat.«
Franziska Hoffmann, die dem Dialog ihrer Eltern bisher nur schweigend gefolgt war und dabei das lange Fell des Zwergspitzes der Familie kraulte