Im Gärtnerhaus jenseits der Lindenallee war die Küche nicht nur der größte Raum, sondern unbestritten die Sammel- und Schaltstelle der Familie Hagedorn und somit das Herz des Hauses. Seit Generationen kümmerten sich die Mitglieder dieser tüchtigen Familie vornehmlich um die Gärten, die zum Gut Annengrün gehörten, und um den herrlichen Park mit seinen uralten Baumbeständen.
Gerade hielten sich die Hagedorns in der Küche ihres Hauses auf, denn hier fühlten sie sich am wohlsten. Eigentlich war alles wie immer, denn Eckart Hagedorn saß hinten auf der Eckbank und las Zeitung, während seine Frau Lina vorn ein ganzes Programm abspulte.
Sie war eine hübsche, kräftige Frau, der es schwerfiel, einfach mal still dazusitzen und die Hände ruhen zu lassen. Immer war sie in Bewegung, strickte oder schnippelte Bohnen aus dem eigenen Gärtchen hinter dem Haus. Saß ihr Eckart vor dem Fernseher, dann leistete sie ihm wohl Gesellschaft, blätterte jedoch dabei ihre geliebten Kataloge durch oder besserte Wäsche aus.
»Meine Güte!«, rief die schlanke junge Frau, die gerade in die Küche kam und die Berge von Erdbeeren auf dem Küchentisch erblickte. »Was hast du denn vor, Tante Lina? Willst du Erdbeertorte für das ganze Dorf backen?«
Eckart Hagedorn ließ die Zeitung sinken, als er die frische Stimme hörte. Ein Lächeln glitt über das sonnengebräunte Gesicht des hageren Endfünfzigers, den man sich ohne seine Pfeife nicht vorstellen konnte. Sie brannte nicht immer, schon gar nicht in der Küche, aber bei Eckart war sie, wie bei einem Sheriff der Revolver, immer griffbereit.
»Hallo, Onkel«, begrüßte Asta den Hausherrn und küsste ihn auf die wettergegerbte Wange. »Gibt es sensationelle Neuigkeiten?«
Bevor Eckart etwas sagen konnte, womit auch niemand wirklich rechnete, blickte Lina von ihren Erdbeeren auf.
»Sensationelle Neuigkeiten?«, ergriff sie das Wort. »Ich benutze die Zeitung nur noch zum Fensterputzen. Dazu taugt sie was.«
»Aber man muss sich doch informieren, Tantchen.« Asta warf einen Blick auf die heiß ausgespülten Gläser, die innen noch ganz bedampft waren. »Du machst also Konfitüre.«
»Jawohl, Erdbeerkonfitüre, für den Laden!«
Die junge Frau biss gerade die Hälfte von einer großen Erdbeere ab. Fast hätte sie sich verschluckt.
»Welcher Laden?«, fragte Asta.
Lina ließ das kleine, schwarze Messer, mit dem sie die Erdbeeren putzte, sinken.
»Meinen Laden!«, versetzte sie triumphierend.
Eckart räusperte sich hinter seiner Zeitung.
»Du bist still«, wies sie ihn zurecht, »denn dass du nicht dafür sein würdest, war ja wohl zu erwarten.«
»Moment mal«, warf Asta ein. »Du willst einen Laden eröffnen?«
»In der alten Kutschenremise!« Lina lächelte strahlend.
»Tolle Idee.« Asta nickte anerkennend. »Und was willst du da verkaufen?«
»Deine Tante hat ohnehin schon genug um die Ohren, speziell jetzt im Sommer. Wozu muss sie da noch einen Laden haben?«, ließ sich Eckart zu einem überraschend wortreichen Kommentar hinreißen.
Dieses Argument fand Asta überzeugend. »Onkel Eckart hat recht, Tantchen, aber ich kann auch verstehen, dass du etwas Eigenes haben willst. Und mit deiner Kreativität wirst du, davon bin ich überzeugt, was Einmaliges aus dem Laden machen.«
»Sie hat noch nicht mal mit dem Chef geredet.«
Lina maß ihren Mann, oder vielmehr die Zeitung vor seinem Gesicht, mit einem funkelnden Blick.
»Herr von Wülfing hat mir noch nie etwas abgeschlagen. Warum sollte er auch? Schließlich ist die Remise seit ewigen Zeiten ungenutzt. Eigentlich wundert es mich, dass ich nicht lä