Patagonien im Sommer
Der Wind ließ die Dachrinne scheppern, ein loses Kabel schlug immer wieder an die Holzwand. Carlos atmete schwer, als er den Oberkörper anhob und sich auf die Ellbogen stützte. In der letzten Zeit schmerzte sein Herz öfter, rief sich in Erinnerung, als sollte er jetzt, am Ende seines Lebens, noch einmal über alles nachdenken. Hatte er nicht schon oft genug über alles nachgedacht, über sechzig Jahre lang? Ein Sonnenstrahl fiel durchs Fenster, ließ den Staub aufblitzen wie Flitter und brannte ein langes Rechteck auf den Holzboden vor dem Ofen.
Mühsam schob er die Beine aus dem Bett. Ganz weiß schauten die Füße unter der dunkelgrauen Schlafanzughose hervor. Er schlüpfte in seine warmen Hausschuhe und stand mühsam auf. Kaffee machen, die elektrische Heizung anstellen, Feuer im Ofen anzünden. Andere in seinem Alter zogen nach Florida und ließen es sich gut gehen. Und er? Bis ans Ende der Welt hatte seine Suche ihn geführt. Patagonien. Einst hatte man Strafgefangene hierher geschickt, heute kamen Touristen.
Er zog den warmen Morgenmantel über, knotete ihn umständlich zu und schlurfte über das warme Lichtrechteck in Richtung Küche. Beim Heizkörper drückte er auf den Knopf, der sogleich rot aufglühte. Den Ofen würde er später anmachen, erst musste er die Asche herausfegen. Ja, er konnte sich noch allein versorgen. Wer in seinem Alter schaffte das schon? Gut, das Essen brachten ihm meist Margarita oder Inez, oder er ging hinüber zu Nicolas. Ein Schmerz in der Brust ließ ihn zusammenzucken. Hatte es letztes Mal nicht auch so angefangen? Und dann war alles ganz schnell gegangen, Atemnot, Herzflimmern, Zuckungen … Er hatte Glück gehabt, dass es im Hotel passiert war und dann auch noch unten an der Rezeption. Nein, das wollte er nicht noch einmal erleben, die Schmerzen, die Todesangst, er wollte sie nicht wieder sehen, all die Bilder seines Lebens. Sie waren an ihm vorbeigezogen und hatten ihn in Panik versetzt, weil er plötzlich sich und sein Leben begriff und er nichts mehr rückgängig machen, die Zeit nicht um dreißig Jahre zurückdrehen konnte.
Diesmal war es nicht das Herz, ganz bestimmt nicht. Er drehte das Wasser auf, füllte den Elektrokocher und blickte nach draußen. Hinter dem Abbruch der Felsen, kaum dreißig Meter von seinem Haus entfernt, breitete sich das Meer bis zum Horizont aus. Der Wind fuhr in kurzen Schüben darüber hinweg. Es glänzte golden, schon bald würde er den Rand des Feuerballs brennen sehen, der sich aus dem Meer erhob, jeden Morgen wieder ein ergreifendes Schauspiel, das entschädigte für schlaflose Nächte.
Seine Augen waren immer noch gut, er konnte nicht nur die Boote der Fischer erkennen, sondern auch weit draußen die Frachter, die Containerschiffe, die nach Südafrika fuhren