Die Boeing 757 hatte ihre Startposition endlich verlassen und raste über die Rollbahn. Nach wenigen hundert Metern hob sie ab. Die silbern schimmernde Nase himmelwärts gerichtet, bohrte sich das Flugzeug mit gewaltiger, vibrierender Schubkraft in die Höhe.
Als der gut aussehende, modisch gekleidete junge Mann in einer der vorderen Sitzreihen seinen Sicherheitsgurt löste und sich erhob, wurde er umgehend von der Stewardess gebeten, wieder Platz zu nehmen.
„Tut mir leid“, teilte ihm die hübsche Blondine freundlich, aber bestimmt über ihr Mikrofon mit. „Sie müssen warten, bis wir die vorgeschriebene Höhe erreicht haben.“
„Das fängt ja gut an“, murrte der junge Mann, setzte sich jedoch folgsam wieder hin. An der Art und Weise, wie er sich mit beiden Händen durch das dichte, dunkle Haar fuhr, konnte man erkennen, wie unangenehm ihm die Zurechtweisung war.
Eine Reihe hinter dem unzufriedenen Passagier stand ein hochgewachsener, bemerkenswert sportlich wirkender junger Mann auf und beugte sich über die Sessellehne.
„Hallo“, begrüßte er den anderen. „Kann ich dir irgendwie helfen?“
„Wer sind Sie denn?“
Der junge Mann mit dem sympathischen, sonnengebräunten Gesicht ließ sich von dem abweisenden Blick, der ihn musterte, nicht verunsichern. Er reichte dem Dunkelhaarigen schwungvoll die Hand.
„Andy Winkler“, stellte er sich vor. „Der Reiseleiter. Erinnerst du dich nicht? Wir sind zu dritt. Markus Berger sitzt vier Reihen hinter dir auf der rechten Seite. Der junge Mann mit dem Bürstenschnitt, der sich gerade den dicken Aktenordner vornimmt. Unsere Hausaufgaben.“
An dieser Stelle hatte Andy eigentlich einen Lacher erwartet. Doch sein Vordermann blieb eisig.
„Und die bildhübsche junge Dame in Blond neben mir ist meine hochverehrte und beeindruckend tüchtige Kollegin Sandra Schäfer, die gute Seele der Truppe, wie man so sagt.“
„Vielen Dank für die Blumen. Wie man so sagt.“ Sandra lächelte vergnügt. „Hallo, Bernd. Alles okay?“
Bernd Kreuzer nickte ihr flüchtig zu, dann vertiefte er sich demonstrativ in seine Zeitung.
Sandra und Andy wechselten einen Blick.
„Unfreundlicher Typ“, stieß Andy zwischen den Zähnen hervor. „Wenn der sich noch steigert, werden wir noch viel Spaß mit ihm haben.“
„Ach was, der ist nur nervös“, meinte Sandra optimistisch. „Ein gestresster Jung-Manager, der erst mal Dampf ablassen muss. Der kriegt sich schon wieder ein, glaub mir.“
Die Leuchtzeichen über den jeweiligen Sitzreihen erloschen. Die Stewardessen standen auf und verschwanden zielstrebig in der Bordküche, wo es bald klirrte und klapperte. Der Lunch für die Passagiere wurde vorbereitet.
Ein ganz schön harter Job, dachte Sandra, die die beiden Flugbegleiterinnen in diesem Augenblick nicht beneidete. Bis zur Landung in Las Palmas-Gando, dem Flughafen Gran Canarias, würden die beiden und der Rest der Crew nicht zur Ruhe kommen.
***
Es gab noch jemanden, der keine Ruhe fand – Nele Sonntag. Ihre Schwester nervte sie mal wieder kolossal.
„Hast du den Föhn eingepackt, Nele?“
Die junge Frau mit der aparten, aber ziemlich altmodischen Zopffrisur hob den Blick von dem eigens für diese Reise erstandenen Reisejournal, in dem sie bis eben gelesen hatte.
„Den Föhn?“, fragte sie verwirrt, denn die Frage hatte sie bei ihrer Lektüre gestört. „Wieso?“
„Wieso, wieso!“, wiederholte ihre Schwester Tonia ungeduldig. „Mein Gott, Nele, wo warst du wieder mit deinen Gedanken?“
Nele verteidigte sich spontan: „Ich habe gerade gelesen!“ Und wie um es zu beweisen, zeigte sie ihr das Reisejournal und sagte lebhaft: „Du, da stehen sehr interessante Infos über die Kanarischen Inseln drin.“
„Schrei doch nicht so! Sollen die anderen glauben, dass ich schwerhörig bin? Oh, Nele, wieso musst du immer so übertreiben?“
Die Schwester senkte sofort den Blick. Zusätzlich errötete sie, was ihr ausgezeichnet stand, denn es betonte ihren zarten, gefühlsbetonten Typ, der eigentlich total out war heutzutage.
„Du liebe Zeit, Nele, du bist empfindlich w