: James McBride
: Das verrückte Tagebuch des Henry Shackleford Roman
: btb Verlag
: 9783641153755
: 1
: CHF 2.70
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: Erzählende Literatur
: German
: 464
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Ausgezeich et mit dem National Book Award.

Kansas im Jahre 1857: Hier, im Mittleren Westen der USA, lebt der junge Sklave Henry Shackleford. Hier tobt auch der Krieg zwischen überzeugten Sklavenhaltern und bibeltreuen Abolitionisten besonders wüst. John Brown ist einer derjenigen, die beseelt davon sind, Gottes Willen durchzusetzen und die Schwarzen in die Freiheit zu führen. Als er zufällig in einer Kneipe auf Henrys grausamen Master trifft – einen weithin bekannten und berüchtigten Sklavenhalter –, kommt es zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung, in deren Folge beide fliehen müssen: sowohl John Brown als auch der junge Henry, der irrtümlicherweise für ein Mädchen gehalten wird und schnell begreift, dass dies seine Vorteile hat …

James McBride – Autor, Musiker, Drehbuchschreiber, Journalist – wurde weltberühmt durch seinen autobiografischen Roman"Die Farbe von Wasser". Das Buch gilt inzwischen als Klassiker in den Vereinigten Staaten, es stand zwei Jahre lang auf derNew York Times-Bestsellerliste. Sein Debüt"Das Wunder von St. Anna" wurde vom amerikanischen Kultregisseur Spike Lee verfilmt. Für"Das verrückte Tagebuch des Henry Shackleford" erhielt James McBride den renommierten National Book Award. 2015 wurde er von Barack Obama mit der National Humanities Medal ausgezeichnet.

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Lerne den Herrn kennen

Ich wurde als farbiger Mann geboren, vergiss das nicht. Aber siebzehn Jahre hab ich als farbige Frau gelebt.

Pa war ein Vollblut-Neger aus Osawatomie im Kansas-Territorium, nördlich von Fort Scott, nicht weit von Lawrence. Pa war Barbier, obwohl ihn das nie richtig befriedigt hat. Das Evangelium zu predigen, das war seine Leidenschaft. Er hatte keine feste Kirche wie eine von denen, wo du nur mittwochs abends Bingo spielen darfst und die Frauen sitzen rum und schneiden Papierpuppen aus. Er rettete die Seelen eine nach der anderen beim Haareschneiden in Dutch Henrys Kneipe. Die lag an einer Kreuzung vom California Trail, der in Süd-Kansas am Kaw River langführt.

Pa kümmerte sich hauptsächlich um Abschaum, Aufschneider, Sklavenhändler und Trinker, die über den Kansas-Trail zogen. Mit seiner Statur machte er nicht viel her, aber dafür putzte er sich gerne raus. Am liebsten trug er einen Zylinder, Hochwasserhosen, ein Hemd mit hohem Kragen und Stiefel mit Absätzen. Der Großteil seiner Kleider war Zeugs, das er irgendwo fand oder von weißen Toten klaute, die in der Prärie von der Wassersucht hingerafft worden waren oder denen ein Streit den Garaus gemacht hatte. In seinem Hemd waren Einschusslöcher so groß wie ein Vierteldollar, und sein Hut war ihm zwei Nummern zu klein. Seine Hose bestand aus zwei verschiedenfarbigen Exemplaren und war an der Stelle zusammengenäht, wo sich die Hinterbacken trafen. Seine Haare waren kraus genug, um ein Streichholz dran anzureißen, und die meisten Frauen hielten möglichst Abstand von ihm, meine Ma eingeschlossen, die ihre Augen für immer schloss, als sie mich in dieses Leben beförderte. Es heißt, dass sie ein sanftes Halbblut war. »Deine Ma war die einzige Frau in der Welt, die Manns genug war, meinen heiligen Gedanken zu lauschen«, tönte Pa, »denn ich bin ein Mensch mit vielen Talenten.«

Was immer das für Talente sein sollten, größer machten sie ihn nicht, denn aufrecht und rausgeputzt wie nur was, komplett mit Stiefeln und zehn Zentimetern Zylinder, kam Pa gerade mal auf knapp eins vierundvierzig, und davon war noch einiges Luft.

Doch was er an Größe vermissen ließ, machte er mit seiner Stimme wett. Mein Pa konnte jeden Weißen niederschreien, der je über Gottes grüne Erde lief, ohne Ausnahme. Seine Stimme war hoch und schrill, und wenn er was sagte, dachtest du, der hat ’ne Maultrommel verschluckt, denn die Worte kamen platzend und knallend aus ihm raus. Und wer mit ihm redete, dem wusch er gleich auch noch das Gesicht mit seiner Spucke. Wobei, das war noch nicht alles, da war noch sein Mundgeruch. Sein Atem stank nach Schweinsgedärm und Sägemehl, weil er viele Jahre in einem Schlachthof gearbeitet hatte, und die meisten Farbigen gingen ihm deshalb aus dem Weg.

Aber die Weißen, die mochten ihn. Oft hab ich abends gesehen, wie er sich mit Freudensaft volllaufen ließ, und dann ist er auf Dutch Henrys Theke gesprungen, hat mit seiner Schere in der Luft rumgeschnipselt und durch Rauchschwaden und Ginwolken gebrüllt: »Der Herr wird kommen! Und es wird ein großes Zähneknirschen und Haareausreißen geben!« Und mit diesem Geschrei warf er sich mitten zwischen die miesesten, übelsten, sturzbesoffensten Missouri-Rebellen, die du je erlebt hast. Und wenn sie ihn meist auch verprügelten und ihm die Zähne eintraten, waren sie ihm doch genauso wenig böse, weil er ja im Namen des heiligen Geistes über sie herfiel, wie sie’s einem Tornado gewesen wären, der sich ’ne Schneise durch die Kneipe geschlagen hätte, denn der Geist des Erlösers Der Sein Blut Vergoss war ’ne e