Kapitel 1
Der massige Körper bewegte sich überraschend geschmeidig, die silbernen Haare auf dem unteren Rücken des Gorillas glänzten im Licht der Weglampe. Das Jungtier versuchte, auf einen Ast zu fliehen, doch der Silberrücken erwischte es am Arm und zog es zu sich heran. Für einen Moment glitt der Blick des Alttiers zum Fenster des angrenzenden Gebäudes, suchte das Paar brauner Augen hinter der Scheibe, las die Besorgnis darin.
Das Jungtier nutzte den Augenblick, um sich aus dem Griff des Silberrückens zu winden und in die hinterste Ecke des Geheges zu entwischen.
Langsam trat der Silberrücken vor die Gruppe, starrte in die Dunkelheit der Welt außerhalb seines Reviers. Von fern drangen die Rufe der nächtlichen Jäger herüber, der Hyänen vor allem, deren Bellen und Kreischen weithin zu vernehmen war. Der Gorilla jedoch wusste, dass die Aasfresser nicht zu ihm und seiner Familie vordringen konnten.
Sein Blick konzentrierte sich auf die zwei dunkel gekleideten menschlichen Gestalten, die er im schwachen Schein der Nachtbeleuchtung nur schemenhaft sehen konnte. Ihre Stimmen hingegen vernahm er deutlich und erkannte an der Tonlage Wut und unterdrückten Hass. Der Gorilla witterte Gefahr und blieb vor der Gruppe, denn es war seine Aufgabe, sie zu schützen.
Mittlerweile waren alle Tiere aufgewacht; still und reglos beobachteten sie die Menschen.
"Scheißkerl!", zischte der Größere und plötzlich blitzte ein Messer auf. Im nächsten Moment gingen die beiden Menschen aufeinander los. Der Silberrücken hörte den Schmerzensschrei des Kleineren, als die scharfe Klinge dessen Unterleib traf. Die Hände des Mannes tasteten nach der Wunde, seinem Mund entrang sich ein gurgelndes Stöhnen; er sackte zu Boden.
"Selber schuld!" Die Stimme des anderen, heiser vor Erregung. Und während sich die Menschenfinger fester um das Messer krampften, drückte sich im ersten Stock des Affenhauses eine Nase gegen die Fensterscheibe. Zwei braune Augen verfolgten starr das Geschehen, ehe sich schließlich eine Hand vor sie schob, als wolle sie ihnen ersparen, die grausame Szene weiter betrachten zu müssen.
Die Lippen des am Boden liegenden Mannes bewegten sich, als wolle er um Gnade flehen. Der kleine Gorilla steckte seinen Kopf unter einen Jutesack wie ein Kind, das glaubt, nicht gesehen zu werden, wenn es selbst nicht sieht.
Das Gesicht des stehenden Menschen war nicht zu erkennen, hinter einer Maske verborgen. Tief sog der Silberrücken die Luft ein, roch Schweiß und Furcht.
"Nicht … Per favore … Bitte nicht!", gurgelte der am Boden liegende Mann, beide Hände auf den Unterleib gepresst. Er war es, der die Angst ausdünstete. Angst und Tod, wie der Silberrücken begriff. Der Maskierte zögerte; eine Weile war nichts anderes zu hören als der mühsame Atem des Verletzten.
Vorsichtig näherte sich der Silberrücken, dem die Menschen den Namen Gonzo gegeben hatten, dem Gitter. Er tastete mit der Hand nach der Tür, die einen Spalt breit offen stand. Doch er ging nicht hinaus, ließ den Blick umherwandern, von links nach rechts, von rechts nach links. Die Gruppenälteste trat neben ihn und er schob sie nicht zurück. Das Jungtier lag unter dem Sack; lediglich seine kurzen schwarzen Beine waren zu sehen.
Der stehende Mensch betrachtete das blutige Messer. In einer schnellen Bewegung bückte er sich und –! Wieder bewegte sich im Gebäude nebenan die braune Hand zu den Augen.
Lautlos schlüpfte das Jungtier unter dem Sack hervor, rannte zu Gonzo. Der Silberrücken wollte es packen, aber das Kleine hopste zur Seite. Gonzo setzte ihm nach, das Jungtier fand Gefallen an dem Spiel, vergaß die Menschen draußen, vergaß die Angst, flitzte einmal um das Gehege und sauste, ehe Gonzo es erwischen konnte, du