I. Ingwa--Banashi -- Wirkung eines bösen Karmas
Des Daimyos Weib lag im Sterben; sie wusste, dass es mit ihr zu Ende ging. Seit Frühherbst des zehnten Bunsei hatte sie das Krankenbett nicht mehr verlassen.
Es war der vierte Monat im zwölften Bunsei -- was dem Jahr 1829 westlicher Zeitrechnung gleichkommt -- und die Kirschbäume standen in voller Blüte.
Das Weib des Daimyos dachte an die Kirschbäume in ihrem Garten und an den herrlichen Frühling draußen. Sie dachte an ihre Kinder. Sie dachte an ihres Gatten zahlreiche Nebenfrauen und vor allem an die neunzehnjährige Yukiko.
»Mein geliebtes Weib«, sagte der Daimyo, »du hast viel, viel gelitten in diesen drei langen Jahren. Wir haben alles getan, was in unseren Kräften stand, haben bei dir gewacht Tag und Nacht, haben für dich gebetet und oft und oft gefastet um deinetwillen. Aber trotz unserer Liebe und Sorgfalt und der Bemühungen unserer besten Ärzte will es jetzt scheinen, als ob es mit deinem Leben zu Ende ginge. Wahrscheinlich ist unser Leid größer als das deinige, dass du die Stätte verlassen wirst, von der der Buddha sagte: ›Die Welt, sie ist ein brennendes Haus.‹
Ich werde anordnen, gleichgültig, was es auch kosten möge, dass die Priester alle religiösen Riten vollziehen sollen, die dir von Nutzen sein können für dein nächstes Dasein auf Erden; wir alle werden ohne Unterlass für dich beten, dass du nicht mögest wandern müssen in den lichtlosen Abgrund des Totenreiches, sondern sogleich nach dem Hinscheiden ins Paradies gelangst und die Buddhaschaft erringst.«
Der Daimyo hatte voll Liebe zu seinem Weib gesprochen und sie dabei zärtlich gestreichelt.
Die Augen geschlossen, antwortete sie ihm mit einer Stimme, so fein und leise wie das Schwirren zarter Insektenflügel:
»Ich danke dir, danke dir aus vollem Herzen für deine lieben Worte ... Ja, es ist wahr, was du sagtest: Ich bin krank gewesen drei lange Jahre, und ihr habt mich gepflegt mit Sorgfalt und treuester Hingabe. Warum sollte ich jetzt straucheln auf dem einzigen wahren Pfad, jetzt im Angesicht des Todes? ... Vielleicht ist es nicht recht, in dieser Stunde an irdische Dinge zu denken, aber ... ich habe eine Bitte auf dem Herzen. Nur eine einzige! ... Ruf mir Yukiko; du weißt, ich liebe sie wie eine Schwester. Ich will mit ihr über Dinge sprechen, die den Haushalt betreffen.«
Yukiko kam auf den Befehl des Daimyos herbei und kniete auf seinen Wink neben dem Bett nieder.
Die Sterbende schlug die Augen auf, blickte Yukiko an und sagte:
»Du bist hier, Yukiko? ... Ich bin so froh, dass ich dich noch einmal sehen kann, Yukiko! ... Komm näher zu mir, damit du mich hören kannst, ich bin nicht imstande, laut zu sprechen ... Yukiko! Ich muss sterben. Ich hoffe, du wirst in allen Dingen unserem lieben Gatten treu ergeben sein ... denn ich will, dass du meine Stelle einnimmst, wenn ich nicht mehr bin ... Ich hoffe, er wird dich immer lieben, hundertmal mehr noch, als er mich geliebt hat -- und dass er dich bald, bald in einen höheren Rang erheben wird -- und dich zu seiner wirklichen Gattin machen. Und ich bitte dich, umgib ihn mit deiner ganzen Liebe; lass es nicht geschehen, dass eine andere dir sein Herz stiehlt... Das ist es, was ich dir sagen wollte, meine geliebte Yukiko ... Hast du alle meine Worte verstanden?«
»O du meine liebe Herrin«, wehrte Yukiko ab, »ich bitte dich, sprich nicht so seltsam zu mir! Du weißt wie ich: ich bin arm und stehe tief im Range. Wie könnte es sein, dass ich jemals meine Augen zu ihm erheben dürfte in der Hoffnung, seine Gattin zu werden!«
»Nein, nein!«, widersprach die Sterbende; »es ist jetzt keine Zeit, Worte äußerlicher Höflichkeit zu tauschen, wir müssen zueinander wahrhaftig sein. Du wirst nach meinem Tod sicherlich meine Stelle einnehmen. Und ich versichere dir: ich wünsche, dass du sein Weib wirst. Ja, das wünsche ich, Yukiko. Wünsche es fast heißer noch, als die Buddhaschaft zu erringen ... Ach, Yukiko, beinahe hätte ich vergessen: ich habe noch eine Bitte! Du weißt, im Garten steht ein Yae-Zakura, ein Kirschbaum mit doppelten gefüllten Blüten, den sie hergebracht haben vom Berg Yoshino in Yamato im vergangenen Jahr. -- Er steht jetzt in voller Blüte. -- So gerne möchte ich noch einmal seine Pracht sehen. -- In einer kleinen Weile werde ich nicht mehr sein; ich muss ihn noch einmal sehen, ehe ich sterbe. -- Ich möchte, dass du mich in den Garten trägst ... jetzt, jetzt, Yukiko, ... damit ihn meine Augen sehen ... Ja, auf deinen Schultern, Yukiko, ... nimm mich auf deine Schultern ...«
Immer klarer und lauter war die Stimme der Sterbenden geworden, als habe die Sehnsucht ihr neue Kräfte gegeben; dann brach sie plötzlich in heftiges Weinen aus.
Regungslos blieb Yukiko auf den Knien, unschlüssig, ob sie gehorchen solle, bis der Daimyo durch Neigen des Kopfes seine Einwilligung gab.
»Es ist ihr letzter Wunsch hier auf Erden«, sagte er. »Sie hat immer die Kirschblüten über alles geliebt, und ich weiß, sie sehnte sich danach, den Yamatobaum noch blühen zu sehen. Erfülle ihre Bitte, liebe Yukiko.«
Wie eine Amme ein Kind auf den Rücken nimmt, dass es sich an ihr halte, so bot jetzt Yukiko der Sterbenden ihre Schultern und sagte:
»Herrin, ich bin bereit; bitte, sag mir, wie ich dir am besten helfen kann.«
»Ja. So. So ist’s gut«, flüsterte die Sterbende und richtete sich mit fast übermenschlicher Anstrengung auf, um sich an Yukikos Schultern anzuklammern.
Dann, als sie aufrecht stand, ließ sie rasch ihre Hände über Yukikos Achseln hinweggleiten in das Busenkleid hinein, fasste die beiden Brüste des Mädchens und brach in ein scheußliches, grauenhaftes Lachen aus.
»Jetzt ist mein Wunsch erfüllt!«, kreischte sie. »Mein Wunsch nach den doppelten Kirschblüten, wenn sie auch nicht auf dem Baum im Garten wachsen! ------ Ich hätte nicht sterben können, wär’ mir dieser Wunsch nicht in Erfüllung gegangen. -- Jetzt hab’ ich alles. -- Oh, welche Wonne!«
Bei diesen Worten fiel sie schwer gegen das zusammenbrechende Mädchen und war tot.
Sofort sprang alles zu, die Leiche von Yukikos Schultern zu lösen und sie auf das Bett zu legen, aber, seltsam, so leicht es scheinen sollte -- es war unmöglich: Die erstarrten Hände hatten sich auf unerklärliche Weise in die Brüste des Mädchens festgekrallt -- waren wie verwachsen mit dem frischen, lebenden Fleisch.
Yukiko verlor das Bewusstsein vor Schmerz und Entsetzen.
Man holte Ärzte.
Sie konnten den Vorgang nicht erklären.
Es gab kein Mittel, die Hände der Toten von dem Körper ihres Opfers zu lösen; zog man fest an ihnen, so trat Blut aus den Brüsten. Doch nicht, weil die Finger verkrampft gewesen wären! Nein, die Handflächen waren auf unbegreifliche Weise mit dem Fleisch der Brüste verbunden...