: Lafcadio Hearn
: J. Schulze
: Japanische Geistergeschichten Illustrierte Fassung
: Null Papier Verlag
: 9783954185887
: Horror bei Null Papier
: 3
: CHF 0.90
:
: Horror
: German
: 168
: Wasserzeichen/DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB/PDF
Illustrierte Fassung Anfang des 20. Jahrhunderts notierte der Japankenner und Autor Lafcadio Hearn (1850 - 1904) mehrere japanische Gruselgeschichten, die uns die fernöstliche Vorstellung von Geistern nahebringen, die in vielen Dingen der westlichen ähnelt, aber in anderen auch wieder konträr verläuft. Die deutsche Fassung (1925) stammt vom bekannten Übersetzer und Autor ('Der Golem') Gustav Meyrink. In der Edo-Zeit (1603 - 1868) gab es ein beliebtes Gesellschaftsspiel namens 'Hundert Geschichten', bei denen die Gäste sich gegenseitig Gruselgeschichten erzählten. Nach jeder Geschichte wurde eine Lampe gelöscht, bis die ganze Gesellschaft im Dunkeln saß. Die Geschichten hatten meist einen philosophischen Hintergrund und behandelten Themen wie Schicksal, Ehre, unerfüllte Liebe und Verantwortungsgefühl. Der vorliegende Band ist geschmückt mit 18 Horrorzeichnungen der bekanntesten Japanischen Meister. Null Papier Verlag

Patricio Lafcadio Tessima Carlos Hearn (Geb. 27. Juli 1850 auf Lefkas, Griechenland; Gest. 26. September1904 in Tokio) war ein Schriftsteller irisch-griechischer Abstammung, dessen Werke das westliche Bild von Japan im beginnenden 20. Jahrhundert entscheidend geprägt haben.

I. Ingwa--Banashi -- Wirkung eines bösen Karmas


Des Dai­myos Weib lag im Ster­ben; sie wuss­te, dass es mit ihr zu Ende ging. Seit Früh­herbst des zehn­ten Bun­sei hat­te sie das Kran­ken­bett nicht mehr ver­las­sen.

Es war der vier­te Mo­nat im zwölf­ten Bun­sei -- was dem Jahr 1829 west­li­cher Zeit­rech­nung gleich­kommt -- und die Kirsch­bäu­me stan­den in vol­ler Blü­te.

Das Weib des Dai­myos dach­te an die Kirsch­bäu­me in ih­rem Gar­ten und an den herr­li­chen Früh­ling drau­ßen. Sie dach­te an ihre Kin­der. Sie dach­te an ih­res Gat­ten zahl­rei­che Ne­ben­frau­en und vor al­lem an die neun­zehn­jäh­ri­ge Yuki­ko.

»Mein ge­lieb­tes Weib«, sag­te der Dai­myo, »du hast viel, viel ge­lit­ten in die­sen drei lan­gen Jah­ren. Wir ha­ben al­les ge­tan, was in un­se­ren Kräf­ten stand, ha­ben bei dir ge­wacht Tag und Nacht, ha­ben für dich ge­be­tet und oft und oft ge­fas­tet um dei­net­wil­len. Aber trotz un­se­rer Lie­be und Sorg­falt und der Be­mü­hun­gen un­se­rer bes­ten Ärz­te will es jetzt schei­nen, als ob es mit dei­nem Le­ben zu Ende gin­ge. Wahr­schein­lich ist un­ser Leid grö­ßer als das dei­ni­ge, dass du die Stät­te ver­las­sen wirst, von der der Bud­dha sag­te: ›Die Welt, sie ist ein bren­nen­des Haus.‹

Ich wer­de an­ord­nen, gleich­gül­tig, was es auch kos­ten möge, dass die Pries­ter alle re­li­gi­ösen Ri­ten voll­zie­hen sol­len, die dir von Nut­zen sein kön­nen für dein nächs­tes Da­sein auf Er­den; wir alle wer­den ohne Un­ter­lass für dich be­ten, dass du nicht mö­gest wan­dern müs­sen in den licht­lo­sen Ab­grund des To­ten­rei­ches, son­dern so­gleich nach dem Hin­schei­den ins Pa­ra­dies ge­langst und die Bud­dha­schaft er­ringst.«

Der Dai­myo hat­te voll Lie­be zu sei­nem Weib ge­spro­chen und sie da­bei zärt­lich ge­strei­chelt.

Die Au­gen ge­schlos­sen, ant­wor­te­te sie ihm mit ei­ner Stim­me, so fein und lei­se wie das Schwir­ren zar­ter In­sek­ten­flü­gel:

»Ich dan­ke dir, dan­ke dir aus vol­lem Her­zen für dei­ne lie­ben Wor­te ... Ja, es ist wahr, was du sag­test: Ich bin krank ge­we­sen drei lan­ge Jah­re, und ihr habt mich ge­pflegt mit Sorg­falt und treues­ter Hin­ga­be. Wa­rum soll­te ich jetzt strau­cheln auf dem ein­zi­gen wah­ren Pfad, jetzt im An­ge­sicht des To­des? ... Vi­el­leicht ist es nicht recht, in die­ser Stun­de an ir­di­sche Din­ge zu den­ken, aber ... ich habe eine Bit­te auf dem Her­zen. Nur eine ein­zi­ge! ... Ruf mir Yuki­ko; du weißt, ich lie­be sie wie eine Schwes­ter. Ich will mit ihr über Din­ge spre­chen, die den Haus­halt be­tref­fen.«

Yuki­ko kam auf den Be­fehl des Dai­myos her­bei und knie­te auf sei­nen Wink ne­ben dem Bett nie­der.

Die Ster­ben­de schlug die Au­gen auf, blick­te Yuki­ko an und sag­te:

»Du bist hier, Yuki­ko? ... Ich bin so froh, dass ich dich noch ein­mal se­hen kann, Yuki­ko! ... Komm nä­her zu mir, da­mit du mich hö­ren kannst, ich bin nicht im­stan­de, laut zu spre­chen ... Yuki­ko! Ich muss ster­ben. Ich hof­fe, du wirst in al­len Din­gen un­se­rem lie­ben Gat­ten treu er­ge­ben sein ... denn ich will, dass du mei­ne Stel­le ein­nimmst, wenn ich nicht mehr bin ... Ich hof­fe, er wird dich im­mer lie­ben, hun­dert­mal mehr noch, als er mich ge­liebt hat -- und dass er dich bald, bald in einen hö­he­ren Rang er­he­ben wird -- und dich zu sei­ner wirk­li­chen Gat­tin ma­chen. Und ich bit­te dich, um­gib ihn mit dei­ner gan­zen Lie­be; lass es nicht ge­sche­hen, dass eine an­de­re dir sein Herz stiehlt... Das ist es, was ich dir sa­gen woll­te, mei­ne ge­lieb­te Yuki­ko ... Hast du alle mei­ne Wor­te ver­stan­den?«

»O du mei­ne lie­be Her­rin«, wehr­te Yuki­ko ab, »ich bit­te dich, sprich nicht so selt­sam zu mir! Du weißt wie ich: ich bin arm und ste­he tief im Ran­ge. Wie könn­te es sein, dass ich je­mals mei­ne Au­gen zu ihm er­he­ben dürf­te in der Hoff­nung, sei­ne Gat­tin zu wer­den!«

»Nein, nein!«, wi­der­sprach die Ster­ben­de; »es ist jetzt kei­ne Zeit, Wor­te äu­ßer­li­cher Höf­lich­keit zu tau­schen, wir müs­sen zu­ein­an­der wahr­haf­tig sein. Du wirst nach mei­nem Tod si­cher­lich mei­ne Stel­le ein­neh­men. Und ich ver­si­che­re dir: ich wün­sche, dass du sein Weib wirst. Ja, das wün­sche ich, Yuki­ko. Wün­sche es fast hei­ßer noch, als die Bud­dha­schaft zu er­rin­gen ... Ach, Yuki­ko, bei­na­he hät­te ich ver­ges­sen: ich habe noch eine Bit­te! Du weißt, im Gar­ten steht ein Yae-Za­ku­ra, ein Kirsch­baum mit dop­pel­ten ge­füll­ten Blü­ten, den sie her­ge­bracht ha­ben vom Berg Yos­hi­no in Ya­ma­to im ver­gan­ge­nen Jahr. -- Er steht jetzt in vol­ler Blü­te. -- So ger­ne möch­te ich noch ein­mal sei­ne Pracht se­hen. -- In ei­ner klei­nen Wei­le wer­de ich nicht mehr sein; ich muss ihn noch ein­mal se­hen, ehe ich st­er­be. -- Ich möch­te, dass du mich in den Gar­ten trägst ... jetzt, jetzt, Yuki­ko, ... da­mit ihn mei­ne Au­gen se­hen ... Ja, auf dei­nen Schul­tern, Yuki­ko, ... nimm mich auf dei­ne Schul­tern ...«

Im­mer kla­rer und lau­ter war die Stim­me der Ster­ben­den ge­wor­den, als habe die Sehn­sucht ihr neue Kräf­te ge­ge­ben; dann brach sie plötz­lich in hef­ti­ges Wei­nen aus.

Re­gungs­los blieb Yuki­ko auf den Kni­en, un­schlüs­sig, ob sie ge­hor­chen sol­le, bis der Dai­myo durch Nei­gen des Kop­fes sei­ne Ein­wil­li­gung gab.

»Es ist ihr letz­ter Wunsch hier auf Er­den«, sag­te er. »Sie hat im­mer die Kirsch­blü­ten über al­les ge­liebt, und ich weiß, sie sehn­te sich da­nach, den Ya­ma­to­baum noch blü­hen zu se­hen. Er­fül­le ihre Bit­te, lie­be Yuki­ko.«

Wie eine Amme ein Kind auf den Rücken nimmt, dass es sich an ihr hal­te, so bot jetzt Yuki­ko der Ster­ben­den ihre Schul­tern und sag­te:

»Her­rin, ich bin be­reit; bit­te, sag mir, wie ich dir am bes­ten hel­fen kann.«

»Ja. So. So ist’s gut«, flüs­ter­te die Ster­ben­de und rich­te­te sich mit fast über­mensch­li­cher An­stren­gung auf, um sich an Yuki­kos Schul­tern an­zu­klam­mern.

Dann, als sie auf­recht stand, ließ sie rasch ihre Hän­de über Yuki­kos Ach­seln hin­weg­glei­ten in das Bu­sen­kleid hin­ein, fass­te die bei­den Brüs­te des Mäd­chens und brach in ein scheuß­li­ches, grau­en­haf­tes La­chen aus.

»Jetzt ist mein Wunsch er­füllt!«, kreisch­te sie. »Mein Wunsch nach den dop­pel­ten Kirsch­blü­ten, wenn sie auch nicht auf dem Baum im Gar­ten wach­sen! ------ Ich hät­te nicht ster­ben kön­nen, wär’ mir die­ser Wunsch nicht in Er­fül­lung ge­gan­gen. -- Jetzt hab’ ich al­les. -- Oh, wel­che Won­ne!«

Bei die­sen Wor­ten fiel sie schwer ge­gen das zu­sam­men­bre­chen­de Mäd­chen und war tot.

So­fort sprang al­les zu, die Lei­che von Yuki­kos Schul­tern zu lö­sen und sie auf das Bett zu le­gen, aber, selt­sam, so leicht es schei­nen soll­te -- es war un­mög­lich: Die er­starr­ten Hän­de hat­ten sich auf un­er­klär­li­che Wei­se in die Brüs­te des Mäd­chens fest­ge­krallt -- wa­ren wie ver­wach­sen mit dem fri­schen, le­ben­den Fleisch.

Yuki­ko ver­lor das Be­wusst­sein vor Schmerz und Ent­set­zen.

Man hol­te Ärz­te.

Sie konn­ten den Vor­gang nicht er­klä­ren.

Es gab kein Mit­tel, die Hän­de der To­ten von dem Kör­per ih­res Op­fers zu lö­sen; zog man fest an ih­nen, so trat Blut aus den Brüs­ten. Doch nicht, weil die Fin­ger ver­krampft ge­we­sen wä­ren! Nein, die Hand­flä­chen wa­ren auf un­be­greif­li­che Wei­se mit dem Fleisch der Brüs­te ver­bun­den...