Als das Fahrwerk Kontakt mit dem Boden herstellt und das Gewicht des Flugzeugs durch mir unerklärliche hydraulische Sätze zu dämpfen vermag, kann ich meine Vorfreude kaum noch unterdrücken. Ich wollte unbedingt mal wieder nach Italien. An geheimen Plätzen meines Gedächtnisses liegen seit vielen Jahren Gedankenschätze vergraben, die von Sommerurlauben in diesem Land erzählen. Von Zeltplätzen, Kinderanimation und Sandstränden. Auch den Schiefen Turm von Pisa habe ich, glaube ich, schon einmal live gesehen. Aber viele Jahre des Verdrängens und des Wegschauens haben diese Zeit verblassen lassen, und so sind die Familienfahrten in den Süden nur noch in kaum zuzuordnenden Umrissen erkennbar: als wären sie überbelichtete Fotos im unübersichtlichen Album meiner Erlebnisse.
Außerdem habe ich italienische Vorfahren, die sich durch meinen Großvater mütterlicherseits in mein Blut geschlichen haben. Niemand aus meiner Kernfamilie kennt ihn persönlich, es ranken sich nur Gerüchte um sein kurzes Auftauchen im Leben meiner Großmutter.Mein Leben hat er vor allem durch unsere gemeinsamen Gene beeinflusst. Ich habe mal irgendwo gehört, dass die eigene Körperbehaarung auf den Großvater mütterlicherseits zurückzuführen ist, und mein Haupthaar ist in dieser Hinsicht ein Thema für sich. Wenn man Fotos von mir aus den letzten gut zehn Jahren chronologisch hintereinanderschneidet, könnte man meinen, man sähe die Zeitrafferaufnahme eines Gezeitenwechsels: Mein Haarmeer zieht sich zurück und gibt den Blick frei auf einen von den abschwappenden Wellen zerfurchten Stirnstrand, man könnte freigelegte Ohrmuscheln sammeln gehen, es fehlt eigentlich nur noch, dass permanent Möwen über mir rumfliegen und mir vergammeltes Treibholz ins Gesicht geschwemmt wird. Das alles habe ich also von einem Mann geerbt, den ich nie kennengelernt habe, und vielleicht ist diese Rom-Reise auch eine Möglichkeit, mich auf irgendeiner seltsamen Ebene mit diesem Teil meines Stammbaums zu versöhnen.
Weil ich mich an Flughäfen immer gerne möglichst frei und gedankenleer bewege, habe ich außer einer Zeitschrift und meinem Ausweis wie üblich alles eingecheckt. Den Preis dafür zahle ich nun, da ich seit einer Stunde handy- und auch sonst ablenkungslos vor dem Gepäckband lümmle. Die Zeitschrift war zwar interessant, aber zweimal muss ich auch nicht lesen, wie Santorin vor dreitausendsechshundert Jahren zerstört wurde, und der Typ