Das traditionsreiche Weingut Sonnenhof lag inmitten der Kulturlandschaft des Rheingaus, an einen sanften Hügel geschmiegt, dessen Ausrichtung nach Süden ihn für den Anbau lieblicher Tropfen prädestinierte.
Seit vielen Generationen bewirtschaftete die Familie von Metz den Betrieb. Im Laufe der Jahrzehnte waren die Rebflächen stetig gewachsen, doch mittlerweile hatte man das Limit erreicht, hinter dem nur noch Massenproduktion und Qualitätsabbau zu erwarten waren.
Lorenz von Metz, der Gutsherr, legte allerdings größten Wert auf den guten Namen und den damit verbundenen Qualitätsanspruch, für den seine Weine standen. Er, ein Mann in den besten Jahren, war mit Leib und Seele Winzer und ein gewiefter Geschäftsmann.
Wie ein echter Landedelmann verstand er es, seine Produkte zu fairen Preisen zu verkaufen, und er machte hoch zu Ross eine ebenso gute Figur wie beim Schneiden und Binden der Reben, wenn er mit seinen Angestellten in einer Reihe im Weinberg stand.
Während seine Frau Eva-Marie stets deutlichen Abstand zum Personal auf dem Sonnenhof wahrte und es ihr nie in den Sinn gekommen wäre, sich neben der Köchin an den Herd zu stellen, sah ihre Tochter darin ganz gewiss keinen Fauxpas.
Clarissa war auf dem Sonnenhof geboren und aufgewachsen und fühlte sich dem Land und dem Besitz ebenso verbunden wie den Menschen, die hier lebten und wirtschafteten. Sie machte dabei keinen Unterschied zwischen einem Mitglied ihrer Familie und der Köchin oder einem Stallburschen.
Wegen ihrer natürlichen, ungekünstelten Art war Clarissa von Metz allseits beliebt. Wenn sie am frühen Morgen auf ihrem Rappen durch die Felder und Weinberge ritt, dann gab es niemanden, der sie nicht freundlich grüßte oder ihr zuwinkte. Und jeder Gruß wurde erwidert.
Die junge Frau mit den schönen braunen Augen kannte keinen Standesdünkel, was schon des Öfteren zu einiger Verstimmung bei der Mutter geführt hatte. Denn Eva-Marie von Metz stammte aus einer sehr konservativen Familie. Sie hatte gelernt, dass man sich nur in den eigenen Kreisen zu bewegen hatte, und diese eiserne Regel bestimmte ihr Leben bis zum heutigen Tag.
Als sich Clarissa entschieden hatte, in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten, und ein Studium in Önologie beginnen wollte, hatte das lange und zähe Streitigkeiten mit ihrer Mutter nach sich gezogen.
Eva-Marie war absolut dagegen gewesen. Nicht, dass sie ihre Tochter als zukünftige Gutsherrin ablehnte, das gewiss nicht, aber Clarissa sollte heiraten und die Leitung des Betriebes ihrem Mann überlassen. Sie konnte dann, wie Eva-Marie es tat, dem Haushalt vorstehen und sich den gesellschaftlichen Verpflichtungen widmen, die eine solche Stellung mit sich brachte.
Dass ihre Tochter diese Einstellung rundweg ablehnte und sie sogar als altmodisch und falsch bezeichnete, hatte die Gutsherrin schon oft gekränkt. Allein die Tatsache, dass sich zwischen Clarissa und dem Nachbarssohn Felix von Scheven etwas entwickelt hatte, das vielleicht zu einer standesgemäßen Heirat führen würde, konnte Eva-Marie ein wenig beruhigen.
Doch der Dickkopf ihrer Tochter war sprichwörtlich, und die Gutsherrin sah Clarissa noch längst nicht als glückliche Braut. Der Weg bis dahin schien weit, bedachte man das eigenwillige Temperament der jungen Frau,