1. Alles echt
Von wegen empfindlich. Nehmen wir nur mal Paris. Was erwartete mich? Geile Kulisse, furchtbares Wetter. Wir kommen aus dem Bahnhof, Gare du Nord, und es regnet. Ich war noch nie in Paris, soll aber ans Steuer, komme aus dem ersten Kreisverkehr fast nicht mehr raus, Pariser Autofahrer drängen dich gnadenlos ab, und am Eiffelturm heißt es: Treppe statt Aufzug. Also zu Fuß da hoch. Bis zur zweiten Plattform sind es 740 Stufen. Du hast keinen Schirm, du wirst klatschnass, und für einen Menschen mit 130 Kilo Lebendgewicht fühlen sich 740 Stufen wie 940 Stufen an. Mindestens. Eher mehr. Dazu das Heimweh. Und dann erklärt dir der Oberkellner im Edelrestaurant, dass du gerade »dog liver« gegessen hast. Hundeleber. Das reicht mir an Stress. Natürlich regt mich so was auf. Vor allem bei der Vorstellung, dass mir das alles erspart geblieben wäre, wenn ich Moers nie verlassen hätte. Da regnet es zwischendurch auch, aber in meiner Heimatstadt gibt es keine französischen Oberkellner, die »dog liver« sagen, wenn sie »duck liver« meinen, und so was wie den Pariser Straßenverkehr auch nicht. Vom Eiffelturm ganz zu schweigen.
Mir war anfangs nicht klar gewesen, wie ernst es mein Sender meinte. »Detlef muss reisen« sollte das neue Format heißen. Ein Reisemuffel im Ausland, okay. Das wäre wirklich mal was Neues, für mich, für den Zuschauer auch, das konnte ich mir schon einigermaßen schrecklich und deshalb einigermaßen lustig vorstellen, aber die Bedingungen lauteten: kein eigenes Geld, kein eigenes Handy, und bis zum letzten Augenblick keine Ahnung, wo’s hingeht. »Pack deinen Koffer so, dass du auf Ibiza wie auf Sibirien vorbereitet bist.« Außerdem musste ich schwören, mich auf alles einzulassen. Also alles mitzumachen, was sich die Redaktion für mich ausgedacht hatte. Geduldsproben voraussichtlich, und Mutproben, die kennen ja meine Schwächen. Na gut, dachte ich – Film ist Film und life is life. Die meinen das nicht so ernst. Geld abgeben? Handy abgeben? Das klingt doch etwas realitätsfern. So weit werden sie’s nicht treiben. Das Ganze wird hinterher in abgeschwächter Form ablaufen. Daniel, mein Redakteur, wird mit sich reden lassen, zumindest, was den Geld- und Handyentzug angeht.
Dem war aber nicht so. Sie meinten es ernst. Und deshalb ärgert es mich, wenn ich immer wieder höre: Alles bloß Schauspielerei. Alles gestellt. Alles abgesprochen und die ganze Aufregung gespielt … Nein. Da ist nichts gestellt. Da ist alles aus der lamäng. Ich bin kein Schauspieler. Ich bin auch kein Laiendarsteller. Ich bin ich, und für mich ist es der pure Stress, nicht zu wissen, was unterwegs auf mich zukommt. Oder in heiklen Situationen ohne Geld dazustehen. Oder, das Allerschlimmste, aufs Handy verzichten zu müssen, weil ohne Handy jede Verbindung zu meiner Frau daheim in Moers gekappt ist. Aber immer wieder heißt es: alles gespielt. Am liebsten würde ich einen von diesen Deppen mal zu den Dreharbeiten mitnehmen. Aus versicherungstechnischen Gründen lässt sich das leider nicht machen, aber wenn, würde er ziemlich blöd gucken. Die Kameras sind nämlich zwölf Stunden täglich eingeschaltet, manchmal 15, manchmal 17 Stunden, genauso lange stehe ich unter Beobachtung, und da ist nichts programmiert und nichts abgesprochen. Natürlich brauche ich einen starken Sidekick, der weiß, welche Knöpfe man bei mir drücken muss