Man kann den Regenwald auch mit solarbetriebenen Kettensägen abholzen.
Hans-Peter Dürr, Physiker, Umwelt- und Friedensaktivist
VORWORT
GRÜNES WACHSTUM – WELTRETTUNG ODER »AMOKLAUF GEGEN DIE NATUR«?
Die nebelnassen Bäume werfen ihre letzten Blätter von den schwarzen Ästen, ihre Kronen sind im dichten grauen Dunst verborgen. Auch der riesige, düstere Klotz hinter den Bäumen verschwindet fast im Nebel: Die Glasfassade des Maritim-Hotels am Düsseldorfer Flughafen wirkt stumpf und bleiern. Es ist unwirtlich und kalt an diesem tristen Novembermorgen. Doch drinnen, im Saal Düsseldorf, wo sich mehr als tausend Gäste versammelt haben, da wird es gleich leuchten und strahlen.
Ram-tam-tam-ta-ram-tam-ta-ram-tam … Eben saßen noch einige zusammengesunken auf ihren Stühlen und versuchten, das Muster auf dem Teppichboden zu entwirren. Doch als das beschwingte Dreizehn-Sekunden-Intro von Coldplays SuperhitViva La Vidadurch den Raum schallt, sind die Gäste wie aufKommando gut gelaunt und hellwach, sie strahlen und klatschen, als würden sie dafür bezahlt.
Es ist der Deutsche Nachhaltigkeitstag. Und der ist für die Industrie wie ein vorgezogenes Weihnachtsfest. An diesem 22. November 2013 wird in Düsseldorf zum sechsten Mal der Deutsche Nachhaltigkeitspreis verliehen. Deutsche Unternehmen,ihre Verbände, Forschungseinrichtungen, der Rat für nachhaltigeEntwicklung und die deutsche Bundesregierung vergeben diesenNachhaltigkeitspreis für, wenig überraschend, »Spitzenleistungen der Nachhaltigkeit« an, noch weniger überraschend, deutsche Unternehmen, »die vorbildlich wirtschaftlichen Erfolg mit sozialer Verantwortung und Schonung der Umwelt verbinden«, sowie an Kommunen, Forschung und internationale Popstars.
Stefan Schulze-Hausmann tritt ins Rampenlicht. Der Rechtsanwalt und ehemaligeTV-Moderator (»neues«, »nano«,3Sat) hat den Preis 2008 initiiert. »Nachhaltigkeit istein Mega-Thema«, ruft Schulze-Hausmann, »die Zahl der Unternehmen, die krass ignorant sind, sinkt beständig.« Die Gästeapplaudieren begeistert. Kein Wunder, sie applaudieren sich schließlich selbst, und sich selbst finden sie gut. Denn da in Düsseldorf im Saal Düsseldorf sitzen keine Ökos mit langen, ungewaschenen Haaren, sondern Männer in Anzügen und Frauen in Kostümen. Viele sind Unternehmensvertreter, und sie repräsentieren die deutsche Industrie von A bis Z: von Allianz, Bayer,BMW, Coca-Cola, Danone, Frosta, Henkel, Lufthansa, Rewe, Siemens und Unilever bis zur Zehnder Group, dazu Vertreter von Verbänden wie dem Deutschen Markenverband, dem Handelsverband, dem Gesamtverband der Kunststoff verarbeitenden Industrie und dem Deutschen Tourismusverband.
Schulze-Hausmann schwärmt von einem »Familientreffen der Nachhaltigkeit«. Auch für mich ist es ein Wiedersehen mit – guten? – na ja, jedenfalls mit alten Bekannten: Einige von ihnen habe ich schon interviewt, nämlich die Vertreter von Unternehmen, zwischen deren proklamiertem »grünem Engagement« und den tatsächlichen Auswirkungen ihres Kerngeschäfts eine Lücke so groß wie der Marianengraben klafft.
»Die Industrie versucht, sich zu engagieren, da lernen alle. Das ist ein Prozess, den müssen wir gestalten.«1 Das hat mir, obwohl solche Formulierungen zum Standardrepertoire der Industrie gehören, ein Nachhaltigkeitsmanager von Henkel erklärt. Der deutsche Chemiekonzern hat als einer der ersten 2008 denDeutschen Nachhaltigkeitspreis bekommen und ist, wie Coca Cola, Rewe, Siemens und der Deutsche Markenverband, einerder Sponsoren des Events. Man würde nicht sofort draufkommen, dass Henkel ein Ökounternehmen ist. Drum braucht es auch die Teilnahme am Nachhaltigkeitspreis. Was man dem Chemiekonzern lassen muss, der mit 2,2 Millionen Megawattstunden so vielEnergie verbraucht wie eine mittlere Großstadt: Er kämpft wirklich engagiert. Zum Beispiel gegen den Ausstieg aus der Atomenergie und für die Kohlekraft, Seit’ an Seit’ mit den großen Stromkonzernen.2 Aber nun, man kann nicht alles haben, und Henkelstellt ja gleichzeitig einen Kleber her, der beim Zusammenkleben von Windt