: Kathrin Hartmann
: Aus kontrolliertem Raubbau Wie Politik und Wirtschaft das Klima anheizen, Natur vernichten und Armut produzieren
: Karl Blessing Verlag
: 9783641156114
: 1
: CHF 5.40
:
: Gesellschaft
: German
: 448
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Die große Nachhaltigkeitslüge

Angesichts der Klimakatastrophe ruhen alle Hoffnungen auf der Green Economy, die das Wirtschaften nachhaltig und sozial machen soll. Elektro-Autos statt CO2-Schleudern, Biosprit statt Benzin, Aquakultur statt Überfischung. Subventioniert von der Politik, unterstützt von Umweltorganisationen, ausgezeichnet mit Nachhaltigkeitspreisen. Wirtschaftswachstum und überbordender Konsum, so die frohe Botschaft der sogenannten dritten industriellen Revolution, sind gut für die Welt, solange sie innovativ und intelligent gemacht sind. Die technikbegeisterte Mittelschicht hört das gern.

Doch auch der Rohstoffhunger des grünen Kapitalismus ist riesig: Selbst für nachhaltiges Palmöl, das in Biodiesel und Fertigprodukten steckt, werden Regenwälder gerodet und Menschen vertrieben, wie Kathrin Hartmann in aufrüttelnden Reportagen aus Indonesien zeigt. Ebenfalls schockierend sind ihre Recherchen in Bangladesch: Garnelen aus Zuchtbecken werden mit Öko-Siegeln exportiert, dabei wurden dafür gegen den Willen der Bevölkerung Reisfelder und Mangrovenwälder zerstört. Um den eigenen Hunger zu bekämpfen, zwingt man den Bauern dort Gentechnik-Saatgut auf.

Eine schonungslose Abrechnung mit der Illusion des grünen Wachstums, dem Zynismus von Wirtschaft , Politik und NGO und unserem verschwenderischen Lebensstil.

Kathrin Hartmannstudierte in Frankfurt/Main Kunstgeschichte, Philosophie und Skandinavistik. Sie war Politikredakteurin bei der »Frankfurter Rundschau« und Textredakteurin beim Magazin »Neon«. Seit 2009 ist sie freie Journalistin und Buchautorin in München. Ihre Bücher »Aus kontrolliertem Raubbau« und »Die grüne Lüge« sind im Blessing Verlag erschienen. Letzteres wurde sowohl als Film (zusammen mit Regisseur Werner Boote) wie auch als Buchveröffentlichung ein großer Erfolg. Hartmann schreibt für den »Freitag«, die »Frankfurter Rundschau« und die"Süddeutsche Zeitung" und arbeitet im Rechercheteam von »Die Anstalt« im ZDF und »Mitternachtsspitzen« im WDR. Zuletzt erschien ihr Buch »Öl ins Feuer: Wie eine verfehlte Klimapolitik die globale Krise vorantreibt« bei Rowohlt (2024). Kathrin Hartmann lebt und arbeitet in München.

Man kann den Regenwald auch mit solarbetriebenen Kettensägen abholzen.

Hans-Peter Dürr, Physiker, Umwelt- und Friedensaktivist

VORWORT

GRÜNES WACHSTUM – WELTRETTUNG ODER »AMOKLAUF GEGEN DIE NATUR«?

Die nebelnassen Bäume werfen ihre letzten Blätter von den schwarzen Ästen, ihre Kronen sind im dichten grauen Dunst verborgen. Auch der riesige, düstere Klotz hinter den Bäumen verschwindet fast im Nebel: Die Glasfassade des Maritim-Hotels am Düsseldorfer Flughafen wirkt stumpf und bleiern. Es ist unwirtlich und kalt an diesem tristen Novembermorgen. Doch drinnen, im Saal Düsseldorf, wo sich mehr als tausend Gäste versammelt haben, da wird es gleich leuchten und strahlen.

Ram-tam-tam-ta-ram-tam-ta-ram-tam … Eben saßen noch einige zusammengesunken auf ihren Stühlen und versuchten, das Muster auf dem Teppichboden zu entwirren. Doch als das beschwingte Dreizehn-Sekunden-Intro von Coldplays SuperhitViva La Vidadurch den Raum schallt, sind die Gäste wie aufKommando gut gelaunt und hellwach, sie strahlen und klatschen, als würden sie dafür bezahlt.

Es ist der Deutsche Nachhaltigkeitstag. Und der ist für die Industrie wie ein vorgezogenes Weihnachtsfest. An diesem 22. November 2013 wird in Düsseldorf zum sechsten Mal der Deutsche Nachhaltigkeitspreis verliehen. Deutsche Unternehmen,ihre Verbände, Forschungseinrichtungen, der Rat für nachhaltigeEntwicklung und die deutsche Bundesregierung vergeben diesenNachhaltigkeitspreis für, wenig überraschend, »Spitzenleistungen der Nachhaltigkeit« an, noch weniger überraschend, deutsche Unternehmen, »die vorbildlich wirtschaftlichen Erfolg mit sozialer Verantwortung und Schonung der Umwelt verbinden«, sowie an Kommunen, Forschung und internationale Popstars.

Stefan Schulze-Hausmann tritt ins Rampenlicht. Der Rechtsanwalt und ehemaligeTV-Moderator (»neues«, »nano«,3Sat) hat den Preis 2008 initiiert. »Nachhaltigkeit istein Mega-Thema«, ruft Schulze-Hausmann, »die Zahl der Unternehmen, die krass ignorant sind, sinkt beständig.« Die Gästeapplaudieren begeistert. Kein Wunder, sie applaudieren sich schließlich selbst, und sich selbst finden sie gut. Denn da in Düsseldorf im Saal Düsseldorf sitzen keine Ökos mit langen, ungewaschenen Haaren, sondern Männer in Anzügen und Frauen in Kostümen. Viele sind Unternehmensvertreter, und sie repräsentieren die deutsche Industrie von A bis Z: von Allianz, Bayer,BMW, Coca-Cola, Danone, Frosta, Henkel, Lufthansa, Rewe, Siemens und Unilever bis zur Zehnder Group, dazu Vertreter von Verbänden wie dem Deutschen Markenverband, dem Handelsverband, dem Gesamtverband der Kunststoff verarbeitenden Industrie und dem Deutschen Tourismusverband.

Schulze-Hausmann schwärmt von einem »Familientreffen der Nachhaltigkeit«. Auch für mich ist es ein Wiedersehen mit – guten? – na ja, jedenfalls mit alten Bekannten: Einige von ihnen habe ich schon interviewt, nämlich die Vertreter von Unternehmen, zwischen deren proklamiertem »grünem Engagement« und den tatsächlichen Auswirkungen ihres Kerngeschäfts eine Lücke so groß wie der Marianengraben klafft.

»Die Industrie versucht, sich zu engagieren, da lernen alle. Das ist ein Prozess, den müssen wir gestalten.«1 Das hat mir, obwohl solche Formulierungen zum Standardrepertoire der Industrie gehören, ein Nachhaltigkeitsmanager von Henkel erklärt. Der deutsche Chemiekonzern hat als einer der ersten 2008 denDeutschen Nachhaltigkeitspreis bekommen und ist, wie Coca Cola, Rewe, Siemens und der Deutsche Markenverband, einerder Sponsoren des Events. Man würde nicht sofort draufkommen, dass Henkel ein Ökounternehmen ist. Drum braucht es auch die Teilnahme am Nachhaltigkeitspreis. Was man dem Chemiekonzern lassen muss, der mit 2,2 Millionen Megawattstunden so vielEnergie verbraucht wie eine mittlere Großstadt: Er kämpft wirklich engagiert. Zum Beispiel gegen den Ausstieg aus der Atomenergie und für die Kohlekraft, Seit’ an Seit’ mit den großen Stromkonzernen.2 Aber nun, man kann nicht alles haben, und Henkelstellt ja gleichzeitig einen Kleber her, der beim Zusammenkleben von Windt