: Lilli Beck
: Glück und Glas Roman
: Blanvalet Verlag
: 9783641171247
: 1
: CHF 10.80
:
: Erzählende Literatur
: German
: 512
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Glück und Glas, wie leicht bricht das?

Am 7. Mai 1945 werden Marion und Hannelore in der Frauenklinik in der Münchner Maistraße geboren. Obwohl sie aus ganz unterschiedlichen Verhältnissen stammen, wachsen sie wie Schwestern auf und sind unzertrennlich. Doch als Marion sich an ihrem zweiundzwanzigsten Geburtstag verliebt, zerbricht ihre Freundschaft. Während der Kalte Krieg immer mehr eskaliert, die Studenten auf die Straße gehen und die ersten Kommunen entstehen, trennen sich ihre Wege endgültig. Die widerspenstige Marion wird Fotomodel, hat großen Erfolg im Beruf, aber kein Glück in der Liebe. Hannelore studiert Jura, um Anwältin zu werden, doch das Leben hat andere Pläne mit ihr. Jahrzehnte später, am 7. Mai 2015, wollen sie ihren siebzigsten Geburtstag zusammen feiern – doch kann die Zeit alle Wunden heilen?

Lilli Beck wurde 1950 in Weiden/Oberpfalz geboren und lebt seit vielen Jahren in München. Nach der Schulzeit begann sie eine Ausbildung zur Großhandelskauffrau. 1968 zog sie nach München, wo sie von einer Modelagentin in der damaligen In-DiskoBlow upentdeckt wurde. Das war der Beginn eines Lebens wie aus einem Hollywood-Film. Sie arbeitete zehn Jahre lang für Zeitschriften wieBrigitte,Burda-M denundTWEN. Sie war Pirelli-Kühlerfigur und Covergirl auf der LPMit Pfefferminz bin ich dein Prinz von Marius Müller-Westernhagen.

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München, Weihnachten 1948

Hilde Lemberg musterte den übersichtlichen Inhalt ihres Kleiderschranks und überlegte, welches von den warmen Stücken sie entbehren konnte. Obwohl sie beständig etwas verschenkte, besaß sie immer noch drei Pullover, zwei Strickjacken, fünf Wollröcke, zwei Skihosen, Handschuhe, Mützen und Schals. Einiges davon wollte sie an das Rote Kreuz weitergeben. Es war ihr unerträglich, jeden Tag aufs Neue zu hören, wie sehr die Menschen drei Jahre nach Kriegsende immer noch Not und Hunger litten. Nur wer amerikanische Zigaretten auftreiben konnte und mutig genug war, sich auf die Schwarzmärkte zu wagen, bekam, wonach ihm gelüstete, sogar das begehrte Schweineschmalz in Dosen. Die weniger Glücklichen mussten sich auf Hamsterfahrt ins Münchner Umland begeben oder mit den 950 Kalorien begnügen, die es pro Tag mithilfe der Lebensmittelkarten gab. Im Winter reichte das kaum zum Überleben. Beinahe noch katastrophaler war die Wohnungsnot. Nicht alle durch die Bomben obdachlos gewordenen Bewohner fanden Unterschlupf bei Verwandten. Die meisten wurden in Baracken einquartiert oder bei Fremden zwangseingewiesen. Weder die fast vollständig zerstörte historische Altstadt noch die unbewohnbaren Wohnhäuser waren wieder aufgebaut worden. Es würde Jahrzehnte dauern, obwohl sich Tausende Freiwillige bemühten, die Trümmer mit bloßen Händen wegzuschaffen. Nur wenige lebten im eigenen unversehrten Haus mit Garten, in dem sie Gemüse anpflanzen und sogar ein paar Hühner halten konnten, so wie ihre Familie. Friedrich, ihr Ehemann, hatte 1944 seinen Bruder mit Frau und den beiden Kindern aufgenommen. Die vier hatten ihre Wohnung durch einen Bombenangriff verloren und bis Ende 1947 im Haus gewohnt. Trotz der räumlichen Enge wegen der Verwandtschaft war Hilde Lemberg dankbar für ihr privilegiertes Leben. Geboren und aufgewachsen in einem wohlhabenden Elternhaus mit Personal und durch ihre Verheiratung mit dem Schuhfabrikanten Lemberg junior gesellschaftlich aufgestiegen, kannte sie weder Hunger noch wirtschaftliche Not. Erst in den letzten beiden Kriegsjahren, als die Materiallieferungen für die Schuhherstellung ins Stocken geraten war, hatten sie Angestellte entlassen müssen. Die Fabrikation war schließlich zum Stillstand gekommen, und es waren karge Zeiten angebrochen. Im letzten Kriegsjahr, als sie das Dienstmädchen nicht mehr hatten bezahlen können, war dieses über Nacht verschwunden, nicht ohne vorher noch die Speisekammer leer zu räumen.

Hilde bemühte sich fortan nach Kräften, das große Haus mit dem Salon, den sechs Schlafzimmern, den zwei Bädern, der Wohnküche und die für ihren Schwiegervater ausgebaute Dachwohnung allein sauber zu halten. Doch die Pflege der wertvollen antiken Einrichtung, das Ausklopfen der Perserteppiche und die mühsame Wäschepflege war eine kaum zu bewältigende Plage. Sie bereute, nie kochen gelernt zu haben, und hoffte täglich, ihr Mann möge über ihre rudimentären Kochkünste hinwegsehen. Auch über den Anbau von Gemüse wusste sie lediglich, dass es in der Erde wuchs. Als sie guter Hoffnung war, hamsterte ihr Schwiegervater Butter, Mehl und zwei Kisten Zigaretten. Dem Hamstergut und einem Paar ihrer schönsten Schuhe verdankte sie das luxuriöse Klinikbett und die Erster-Klasse-Geburt. Ihre glückliche Lage war ihr einmal mehr bewusst geworden, als die von Wehen gezeichnete Elsa Schutz in ihrem Krankenzimmer gesucht hatte.

Nie würde sie vergessen, wie Elsa drei Wochen später glücklich gelächelt hatte, als sie ihr das Gartentor geöffnet hatte. Anscheinend hatte sie damit gerechnet, doch abgewiesen zu wer