2: BAUTZEN, DRESDEN
»Ich glaube, Deutschland ist so wie Angela Merkel.«
»Wer sind eigentlich die Sorben?«
(Sebastian,Straßenumfrage München)
Lisa
Wir hatten keine Zeit, uns vor der Abfahrt in Hamburg Richtung Osten noch was zu essen zu kaufen, und müssen deshalb jetzt im Zug speisen. Unsere Beziehung zur Deutschen Bahn ist absolut in Ordnung. Wir haben Deutschland-Tickets, mit denen wir für weniger als dreihundert Euro pro Person den ganzen Monat lang durch das Land reisen können. Meistens finden wir sogar Sitzplätze. Und im Gegensatz zum Flughafen wird man bei Zugfahrten nicht Ewigkeiten auf mitgeführte Bomben untersucht, und es ist auch nicht schlimm, wenn man einen Zug verpasst. Passiert uns natürlich nie. *hust*
Aber jetzt, wo wir hier im Speisewagen sitzen und die Menükarte studieren, verfluchen wir unser Sommerzuhause, während an uns das schöne Hamburg vorbeisaust. Die Karte erklärt, dass das Essen nach Rezepten von Starkoch Horst Lichter zubereitet wird. Vermutlich ist das auch der Grund dafür, dass es schweineteuer und vegetarierfeindlich ist. Ich stochere lustlos in einem nach nichts schmeckenden Kartoffelsalat rum. »Wenn das Essen von Horst Lichter wirklichso schmeckt, dann wird dieser Typ wirklich chronisch überschätzt. Ich wette, der Mann hat das nicht mal probiert.«
Als wir uns daran erinnern, wo wir gerade hinfahren, werden wir wieder besser gelaunt. Es geht Richtung Berlin. Und es ist Wochenende. Und Deutschland spielt im Finale der Fußballweltmeisterschaft. Ein richtiges Wochenende wird es allerdings nicht werden, weil wir das Sorben-Thema noch festzurren und die erste Folge unserer TV-Reportage, den Film über Helgoland, noch schneiden müssen. Und das alles bis zum Montagmorgen nach dem WM-Finale, denn dann geht’s weiter nach Bautzen.
Wir übernachten in der WG unserer Freundin Hannah, nur dass Hannah nicht da ist und uns netterweise für zwei Tage ihr Zimmer überlässt. Wir verlassen es nur für Notfälle. Wir hocken vor den Laptops und schneiden, schneiden, schneiden. Wir sehen nicht, wer auf der Straße rumläuft, wir registrieren nicht, ob die Sonne scheint, wir reden nicht mit Menschen. Wir arbeiten einfach nur.
Und dann ist plötzlich Sonntagabend, WM-Finale. Deutschland gegen Argentinien. Und ratet, was noch nicht fertig ist? Genau, unsere Reportage. Scheiße, was machen wir denn jetzt? Wir müssen das Finale auf jeden Fall gucken, und zwar nicht hier in der Wohnung, sondern da draußen. Also unterbrechen wir unseren Schnitt. Aber es ist klar: Wir müssen die Sendung noch diese Nacht zu Ende schneiden und verschicken, Weltmeisterschaft hin oder her. Die große Filmdatei muss vor morgen früh beim SWR in Baden-Baden landen, an den wir unsere Reportagen ja weiterverkaufen. Sonst kann unsere Sendung diese Woche nicht im Fernsehen laufen.
»Deutschland darf eigentlich auf keinen Fall Weltmeister werden«, sagt Steffi, und ich stimme ihr zu.
»Wie sollen wir nach einem gewonnenen Finale zurück an den Laptop, wenn alle feiern?«
Nach einer einstündigen S