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Wenn sich ein Mädchen um Mitternacht durch strömenden Regen kämpft, um an den Pforten der Hölle anzuklopfen, dann sollte der Teufel im Mindesten die Schurkenhaftigkeit – wenn nicht gar die Schicklichkeit – besitzen zu antworten. Minerva raffte mit einer Hand die Schöße ihres Umhangs zusammen und trotzte einem neuerlichen schneidend kalten Windstoß. Sie starrte verzweifelt auf das verschlossene Portal, bevor sie mit der flachen Seite ihrer Faust auf das Holz trommelte. »Lord Payne«, rief sie und hoffte, dass ihre Stimme durch die dicken Eichenpaneele trüge. »So kommen Sie doch an die Tür! Es ist Miss Highwood.« Nach einer kurzen Weile fügte sie erklärend hinzu: »Miss Minerva Highwood.« Wie unsinnig, dass sie erläutern musste,welche Miss Highwood sie war. Aus Minervas Sicht sollte dies offenkundig sein. Ihre jüngere Schwester, Charlotte, war erst ausgelassene, zarte fünfzehn Jahre alt. Und die Älteste der Familie, Diana, war zum einen mit engelgleicher Schönheit gesegnet und zum anderen dem Gedanken an eine Vermählung durchaus zugetan. Keine von ihnen war letzthin von der Sorte, nachts aus dem Bett zu schlüpfen und sich heimlich über die Hintertreppe der Gästepension zu einem Rendezvous mit einem berüchtigten Salonhelden zu stehlen. Doch Minerva war anders. Sie war immer anders gewesen. Von den drei Highwood-Schwestern war sie die Einzige mit dunklen Haaren, die einzige Brillenträgerin, die Einzige, die kräftige Schnürstiefel feinen Seidenslippern vorzog, und die Einzige, die sichsehr wohl einen Deut um den Unterschied zwischen sedimentärem und metamorphischem Gestein scherte. Die Einzige mit keinerlei Chancen, keiner Reputation, die es zu schützen galt.Diana und Charlotte werden ihren Weg aufs Ausgezeichnete machen, aber Minerva? Unscheinbar, belehrend, zerstreut, linkisch im Umgang mit den Gentlemen. Mit einem Wort, hoffnungslos. Die Worte ihrer eigenen Mutter in einem kürzlich verfassten Brief an ihren Cousin. Und um das Unglück vollkommen zu machen, hatte Minerva diese Beschreibung nicht etwa entdeckt, indem sie in privater Korrespondenz herumgeschnüffelt hätte. Oh nein. Sie hatte die Worte höchst selbst zu Papier gebracht, niedergeschrieben nach Mutters Diktat. Wirklich und wahrhaftig. Ihre eigeneMutter.
Der Wind packte ihre Kapuze und riss sie ihr vom Kopf. Kalter Regen prasselte auf ihren Nacken und machte alles noch schlimmer. Minerva wischte die nassen Strähnen fort, die an ihrer Wange klebten, und spähte zu dem alten steinernen Gefechtsturm hinauf – einer von vieren, welche die Festung Rycliff Castle umgaben. Rauch kringelte sich hoch oben aus dem Kaminabzug. Sie hob abermals ihre Faust, um mit größter Entschiedenheit auf die Tür einzuhämmern. »Lord Payne, ich weiß, dass Sie da drinnen sind.«
Scheußlicher, gemeiner Mann.
Minerva war fest entschlossen, an Ort und Stelle Wurzeln zu schlagen, bis er sie hineinließ, selbst wenn jener kalte Frühlingsregen sie währenddessen bis auf die Haut durchnässte. Sie war nicht die ganze weite Strecke vom Dorf