: Michael Jürgs
: Wer wir waren, wer wir sind Wie Deutsche ihre Geschichte erleben
: C.Bertelsmann Verlag
: 9783641159139
: 1
: CHF 4.50
:
: Politik, Gesellschaft, Wirtschaft
: German
: 368
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Eine Deutschlandreise zu den bedeutendsten Orten
deutscher Geschichte


Michael Jürgs hat sich auf eine Deutschlandreise begeben und an berühmten Orten nach den Spuren deutscher Geschichte gesucht. Mitunter begleiten ihn Prominente aus Politik und Kultur, Sport und Wirtschaft und erzählen ihm ihre persönlichen Erinnerungen – u. a. Volker Schlöndorff , Lothar de Maizière, Michael Naumann, Katja Kraus, Rainer Eppelmann, Matthias Platzeck. Gemeinsam suchen sie Antworten auf Fragen wie: Wen haben die Steinmetze in der Spitze des Kölner Doms verewigt? Wer pilgert heute noch zu Bismarcks Grab in Friedrichsruh? Wofür hielt sich die SS im KZ Buchenwald einen Zoo mit Wildtieren? Wieso gehört Rahns linker Fußballstiefel in ein Museum? Was hat ein CDU-Politiker mit Nathan dem Weisen gemein? Wie schützt Johann Sebastian Bach die Th omanerchorknaben gegen Heimweh? In fünfundzwanzig Reportagen beschreibt Michael Jürgs, wie und an welchen historischen Schauplätzen wir heute unsere Geschichte erleben.

Michael Jürgs war u.a. Chefredakteur von Stern und Tempo und hat sich als Biograph einen Namen gemacht. Seine LebensbeschreibungenDer Fall Romy Schneider,Der Fall Axel Springer,Gern hab' ich die Frau'n’ geküsst(über Richard Tauber),Bürger GrassundEine berührbare Frau(über Eva Hesse) wurden ebenso Bestseller wieDie Treuhänder,Der kleine Frieden im Großen Krieg(2003) undDer Tag danach. Zusammen mit der Journalistin und TV-Moderatorin Angela Elis legte er das PamphletTypisch Ossi, typisch Wessivor. Viel Anerkennung bekam er für seine Bilanz der deutschen EinheitWie geht's, Deutschland?(2008) und für seine Geschichte des BundeskriminalamtsBKA. Die Jäger des Bösen(2011) undCodename Hélène: Churchills Geheimagentin Nancy Wake und ihr Kampf gegen die Gestapo in Frankreich(2012); seine StreitschriftSeichtgebiete /i> (2009) verkaufte sich über 100.000mal. Er ist Co-Autor vieler Fernsehdokumentationen, die nach seinen Büchern gedreht wurden.

Wer wir waren, wer wir sind

1. Haus der Geschichte, Bonn

Jener Sommerabend im Kaukasus. Um einen runden Eichenblock sitzen auf zurechtgehackten Baumstümpfen drei Männer. Links Hans-Dietrich Genscher in Anzug und Krawatte. Ihm gegenüber Helmut Kohl im offenen Hemd und in halbbauchig geknöpfter Strickjacke. Zwischen Genscher und Kohl, Arme über dem hochgeschlossenen Pullover verschränkt, Michail Gorbatschow. Im Halbrund hinter ihnen stehen in gleichfalls heiterer Gemütslage die Augenzeugen dieser historischen Szene. Unter ihnenUdSSR-Außenminister Eduard Schewardnadse, Gorbatschows Frau Raissa, Kohls Sprecher Hans »Johnny« Klein – alle mittlerweile beheimatet in einer anderen Welt – und Finanzminister Theo Waigel.

Ein merkwürdiger Platz: Dort, auf Gorbatschows Datscha bei Archys, haben am19. Juli1990 der sowjetische Staatschef und der deutsche Bundeskanzler Geschichte ausgesessen. Dort im Kaukasus, auf einer Meereshöhe von1400 Metern, entwarfen vor fünfundzwanzig Jahren die beiden Männer eine Roadmap zur deutschen Einheit, an deren Ende das Ziel Wiedervereinigung stand. Über ihr ungewöhnliches Outfit, in Strickjacke der eine, im Pullover der andere, geschuldet den mitunter am Fluss Selentschuk aufkommenden feuchtkühlen Abendwinden, oder über die aus Baumstämmen gesägten Hocker, auf denen sie saßen, ist seitdem mehr berichtet worden als über manchen Minister oder Parteisekretär.

Deshalb ruhen Wolle und Holz, die unter anderen Umständen in anderen Zeiten eben nur Holz und Wolle gewesen wären, imHaus der Geschichte zu Bonn hinter Glas. Ausgestellt als ansehnliche Wegbegleiter zum großen Ziel geeintes Deutschland. Wie dabei wieder zusammenwuchs, was lange getrennt war, ist zwar eine sagenhaft gute Geschichte, die alle Jubeljahre wieder erzählt wird, weil es eher selten passiert, dass Wunder geschehen und Märchen wahr werden. Doch diese Geschichte setze ich als bekannt voraus, will sie nicht mit Geschichten weiter verdichten und erfülle deshalb im folgenden Text am Beispiel von Daten wie dem9. November1989 oder dem3. Oktober1990 nur noch meine Chronistenpflicht.

Gehören solche Banalitäten wie eine Strickjacke, ein Pullover, zwei Baumstümpfe aber hierher? Ja. Hier sind sie wesentlich, denn hier gehört zum wissenschaftlichen Gesamtkonzept, auch das auszustellen, was auf den ersten Blick banal wirkt. Mit Speck fängt man Mäuse, behauptet bekanntlich der als Quelle für allen möglichen Schwachsinn missbrauchte Volksmund. Was übersetzt ins wahre Leben etwa bedeutet, dass einem verlockenden Angebot niemand widerstehen könne. Eine Weisheit, die bei den Planungen für dasHaus der Geschichte, die1986 begannen, in die Tat umgesetzt worden ist. Aufgrund von Befragungen der Besucher wurde das Konzept seit der Eröffnung1994 immer wieder den neuen technischen Möglichkeiten angepasst und entsprechend verfeinert: Dreidimensional, digital, haptisch. Stets blieben die vier Grundsäulen der Anspruch, sowohl unterhaltend als auch belehrend, sowohl berührend als auch berührbar zu sein.

Manchmal sogar tanzbar.

Tanzbare Geschichte? Habe ich mich etwa verrannt auf der Suche nach den noch nicht ausgeschlachteten Geschichten hinter all dem Sichtbaren in den Gängen und den Wänden und den Räumen und den sechzehn historischen Stationen des Museums?

Gemach. Die tanzbare Geschichte wird noch geklärt. Aber nicht schon hier und schon gar nicht jetzt. Erst mal sollen mich die Leser bei meiner Reise durchsHaus der Geschichte begleiten. Ich habe dafür sogar über jeden Verdacht leichtfertigen Umgangs mit Historie erhabene Unterstützer. Aus einer Vielzahl von Geschichten, betont Präsident Hans Walter Hütter, werde schließlich am Ende »unsere Geschichte«.Memory in history wird gestützt von real existierenden historischen Daten.

In diesem Rahmen dürfen viele der ausgestellten Objekte, darunter eben auch Strickjacke, Pullover, Baumstumpf, für sich sprechen. Statt ausschließlich anhand von Akten und Fotos und Zahlen über die Verbrechen der Nazis und der Kommunisten die Banalität des Bösen zu dokumentieren, soll