: Ulrich Schnabel
: Was kostet ein Lächeln? Von der Macht der Emotionen in unserer Gesellschaft
: Karl Blessing Verlag
: 9783641125738
: 1
: CHF 17.90
:
: Gesellschaft
: German
: 336
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Fünf Jahre nach seinem Best- und Longseller Muße – das neue Buch des großen Wissenschaftsjournalisten.
Merken Sie, wie Sie unwillkürlich lächeln, wenn Sie jemand anlächelt, wie Sie schlechte Laune erfasst, wenn Ihnen ein mürrisches Gesicht entgegenblickt? Nichts prägt unser Fühlen und Erleben so sehr wie die Emotionen anderer. Wir Menschen haben eine erstaunliche Fähigkeit, die Gefühle anderer zu lesen, uns in sie hineinzuversetzen – und uns von ihnen anstecken zu lassen. Forschungen zeigen, dass unser Verhalten oft stärker vom emotionalen Umfeld bestimmt wird als von unseren eigenen Überzeugungen. Und das hat zum Teil dramatische Folgen.

Ulrich Schnabel kartografiert die Gefühlslandschaft, durch die wir täglich navigieren, und beschreibt, wie wir zwischen der Sehnsucht nach stabilen Beziehungen und dem Wunsch nach Freiheit hin und her gerissen werden. Er entlarvt die emotionalen Fallen der Konsumgesellschaft, beschreibt die Mühen der modernen Liebe und berichtet von der „Gefühlsarbeit“ und der emotionalen Erschöpfung speziell in sozialen Berufen. Zugleich zeigt er, wie wir uns gegen die emotionalen Zumutungen unserer Zeit wehren – ein starkes Plädoyer dafür, die Souveränität über die eigenen Gefühle zurückzuerobern.

Ulric Schnabel, geboren 1962, studierte Physik und Publizistik und ist seit über 25 Jahren Wissenschaftsredakteur bei der ZEIT. Er schreibt über Themen im Grenzbereich zwischen Natur-, Geistes- und Gesellschaftswissenschaft und wurde für seine Artikel mit mehreren Preisen ausgezeichnet. So erhielt er den Georg von Holtzbrinck-Preis für Wissenschaftsjournalismus sowie den renommierten Werner und Inge Grüter-Preis für Wissenschaftsvermittlung. Sein 2008 bei Blessing erschienenes BuchDie Vermessung des Glaubens wurde als »Wissenschaftsbuch des Jahres 2009« ausgezeichnet.Muße – Vom Glück des Nichtstuns(2010) wurde ein Best- und Longseller. Zuletzt veröffentlichte er bei BlessingWas kostet ein Lächeln? Von der Macht der Emotionen in unserer Gesellschaft. Als Journalist und Buchautor, sowie als Dozent und Moderator setzt Ulrich Schnabel Maßstäbe in der unterhaltsamen Vermittlung von profundem Wissen.

EINLEITUNG:  DAS TSCHECHISCHE RADIO

Als in der Nacht zum 21. August 1968 eine halbe Million Soldaten in die Tschechoslowakei einmarschierten, um den Prager Frühling zu beenden, hatten die Tschechen keine Chance. Innerhalb weniger Stunden besetzten die Gefolgstruppen Moskaus alle strategisch wichtigen Positionen des Landes, und die tschechische Führung beschloss, keinen militärischen Widerstand zu leisten. Zu aussichtslos schien die Lage für die unterlegene ČSSR, die es gewagt hatte, einen »Sozialismus mit menschlichem Antlitz« zu erproben.

Doch so übermächtig die sowjetischen Besatzungstruppen auch waren – die tschechische Bevölkerung dachte nicht daran, klein beizugeben. Die Tschechen montierten Ortstafeln ab oder verdrehten Straßenschilder, um die ortsunkundigen Besatzer in die falsche Richtung zu schicken. Andere malten Plakate, die zum passiven Widerstand aufriefen oder betrieben Piratensender, um der sowjetischen Propaganda etwas entgegenzusetzen. Und selbst als die Plakate abgerissen wurden und die Sowjets die Piratensender nach und nach unter Kontrolle brachten, erlahmte der Widerstandsgeist nicht. Nun verfielen die Tschechen auf die letzte Waffe des Unterdrückten: die Ironie.

Ein paar Spaßvögel bemalten normale Backsteine mit groben Pinselstrichen, nannten sie »tschechische Radios« und taten so, als ob man damit raffiniert verschlüsselte Geheimbotschaften empfangen könnte. Andere griffen die Idee auf und die kuriosen Backsteine wurden zum Symbol des ungebrochenen Widerstandswillens. Mochte der Gegner auch drückend überlegen sein – die Steine brachten zum Ausdruck, dass man nicht resignierte, sondern seine innere Würde und Unabhängigkeit bewahrte.

Und die Sowjets? Die wurden angesichts der Verbreitung bemalter Backsteine regelrecht nervös. Vielleicht fürchteten sie tatsächlich eine unbekannte Geheimtechnologie, vielleicht war ihnen auch nur die Symbolik des Widerstands ein Dorn im Auge – jedenfalls ordneten sie an, alle »tschechischen Radios« unverzüglich zu konfiszieren. Und so schwärmten ihre Soldaten aus und sammelten die wertlosen Steine ein; so groß war die Angst der Mächtigen vor einer Bevölkerung, die zwar besiegt, aber nicht gebrochen war.1

Was die tschechischen Widerständler damals auf so einfallsreiche Weise demonstrierten, war nicht nur eine beachtliche emotionale Stärke, sondern auch die Tatsache, dass unser Leben niemals nur durch seine äußeren Umstände definiert ist. Auch in der aussichtslosesten Lage können wir uns eineninneren Spielraum bewahren, wir haben immer noch die Wahl,wie wir diese Umstände bewerten und wie wir uns innerlich dazu stellen. Es liegt an uns, ob die Realität nur schwarz erscheint oder ob wir auch helle, hoffnungsfrohe Farben wahrnehmen.Selbst vermeintlich unverrückbare Tatsachen sind nie eindeutig, sondern erscheinen – je nach dem emotionalen Filter, durch den wir sie betrachten – mal in diesem, mal in jenem Licht.

Um diese emotionale Färbung unseres Daseins geht es in diesem Buch. Es handelt von jenen unbewussten Kräften, die unser Handeln steuern und unseren Erfahrungen ihre Bedeutung verleihen. Mit anderen Worten: Es handelt von den Mechanismen unseres Gefühlslebens, die letztlich darüber entscheiden, wie wir der Welt gegenübertreten.

Das gilt natürlich nicht nur für Kriegs- oder Katastrophenzeiten, sondern auch im unspektakulären Alltag. Wie reagieren wir auf den Drängler, der uns im Berufsverkehr den Weg abschneidet? Wie gehen wir mit stressigen Arbeitssituationen oder Streit in unserer Beziehung um? Wie stellen wir uns einem Jobverlust oder einer schlimmen Krankheitsdiagnose, die uns überraschend beim Arzt ereilt? Lösen solche Situationen nur Angst, Wut oder Aggression in uns aus, oder wecken sie auch andere Gefühle, Mut etwa oder Mitgefühl, Ehrfurcht, Liebe oder Respekt? Auch wenn die äußeren Fakten nicht wegzuleugnen sind, so liegt es doch an uns, wie wir sie interpretieren und welche emotionale Bedeutung wir ihnen zuschreiben. Angesichts unüberwindlich erscheinender Schwierigkeiten können wir zum Beispiel verzweifeln – oder mithilfe einer Idee wie der des »tschechischen Radios« zumindest unsere Selbstachtung und Würde wahren.

Zusammenbruch und Heilung

Ich begegnete den bunt be