KAPITEL 1
Ein Streicherquartett spielte eine aufgepeppte Version von »Stille Nacht«, und Dee flüchtete vor dem Small Talk in eine dunkle Ecke des einsamen Balkons. Erleichtert sog sie die milde Nachtluft ein und genoss den fantastischen und bestimmt unerschwinglichen Ausblick auf Sydney Harbour. Dann schlüpfte sie aus ihren Stilettos, hob beide Schuhe hoch und schleuderte sie in die Luft.
Während sie im hohen Bogen nach unten in den Garten flogen, legte sie die Hände trichterförmig an den Mund und rief: »Folterwerkzeug!«
Hinter ihr ertönte ein leises Lachen.
Okay, vielleicht war der Balkon doch nicht so einsam. Sie drehte sich um und erblickte Ethan Roxburgh, der in das Licht trat, das der Weihnachtsbaum im Fenster hinter ihm verströmte.
Hoppla, er sah genauso aus wie auf den Zeitungsfotos, nur dass er jetzt gerade nicht irgendeinem Vertreter der Machtelite die Hand schüttelte und auch nicht Arm in Arm mit einer bezaubernden Frau unterwegs war. Er hatte seine Krawatte gelockert, und sein kurz geschnittenes Haar war ein bisschen verstrubbelt, als wäre er mit den Fingern hindurchgefahren.
Er prostete mit seinem halb gefüllten Weinglas in Richtung Balkongeländer. »Guter Wurf.« Er zog eine Augenbraue hoch. »Interessante Aktion.«
»Offensichtlich haben Sie noch nie Stilettos getragen.«
»Nur, wenn ich ganz allein in meinem Schlafzimmer bin.«
»Ach, dann verstehen Sie es jadoch. Mir ist nur nicht klar, wieso das Gesundheitsamt da nicht einschreitet.«
»Ganz eindeutig eine Verschwörung der Chiropraktiker.« Er lächelte verschmitzt, und Dee spürte ein Lachen in sich aufsteigen.
Es überraschte sie, dass er allein war, und sie beobachtete, wie er zum Balkongeländer schlenderte. Glaubte man den Klatschkolumnen, tauchte Ethan Roxburgh niemals ohne ein »Roxburgh-Girl« auf – so nannte man die unfehlbar schönen, gut gekleideten, kultivierten Damen, die an seinem Arm erschienen. Er lehnte sich mit einem Ellbogen aufs Geländer, trank einen Schluck Wein und betrachtete sie über den Rand seines Glases hinweg.
Dee stand ihm barfuß gegenüber und musterte ihn ihrerseits: Braun gebrannt, wie er war, wirkte er fit, wenn auch vielleicht ein bisschen ernst. Wahrscheinlich fühlte er sich im Anzug am wohlsten. Ein Mann zum Schwärmen, wenn man auf Anzugtypen stand. Nicht ihr Fall. Aber die gelockerte Krawatte wirkte angenehm lässig, und seine Augen zeugten von Persönlichkeit – erste Fältchen und eine glänzende, tief schokoladenbraune Iris. Seinen verspannten Schultern könnten allerdings ein paar Lockerungsübungen nicht schad