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Wo ist er? Wo ist er?
Nora Klemetsen war wütend auf sich selbst. Sie hatte für so einen Mist keine Zeit. Es war gleich Viertel vor acht. Der Bus würde nicht auf sie warten.
Sie wühlte in ihrer Tasche und stellte sicher, dass Handy, Schlüssel, Kreditkarten, all die Dinge, von denen sie abhängig war, an ihrem angestammten Platz waren. Dass sie es aber auch nie lernte, ihre Sachen schon am Vorabend zusammenzupacken!
Nora ging in die Küche, stellte die Tasche auf den Tisch und beugte sich darüber. Der Schal fiel nach vorn und nahm ihr die Sicht. Zornig wickelte sie ihn sich wieder um den Hals und entdeckte dabei die Reste einer Eierschale und einen Stift unter dem Tisch. Brotkrümel und Flusen der schwarzen Wollsocken, die sie zu Hause immer trug.
Sie legte Jacke und Schal wieder ab – für die dicken Sachen war es viel zu warm – und suchte im Wohnzimmer weiter. Vielleicht hatte er auf ihrem Schoß gelegen, als sie ferngesehen hatte, nachdem Iver gegangen war? Oder hatte sie ihn irgendwo abgelegt, als sie ins Bad gegangen war, um zu duschen und sich die Zähne zu putzen?
Sie hob die Sofakissen an und warf einen Blick unter die blau geblümte Decke, die auf der Fernbedienung lag. Dann kniete sie sich hin und sah unter das viel zu teure Sofa, ehe ihr Blick zum Ecktisch wanderte, auf dem die Lampe und das Radio standen. Aber auch dort war er nicht.
Konnte er irgendwie unter die Fernsehkommode gerollt sein?
Nora krabbelte auf allen vieren weiter. Das harte Parkett drückte schonungslos gegen ihre ohnehin schon schmerzenden Knie, doch sie fand nur Staubflocken und Krümel, die sie daran erinnerten, wie lange es schon her war, dass sie zuletzt einen ordentlichen Großputz gemacht hatte.
Nora stand so schnell auf, dass ihr schwindlig wurde. Sie hatte noch nichts Anständiges gegessen – aß immer erst bei der Arbeit ihre drei trockenen Knäckebrote.
Sie versuchte zu rekonstruieren, was sie am vergangenen Tag gemacht hatte. Sie hatte im Bett Zeitung gelesen, vor dem Fernseher gebruncht, einen Spaziergang am Fluss gemacht und mit Iver gegessen. Danach hatte sie versucht, so wenig wie möglich nachzudenken.
Er war gestern auch schon weg gewesen.
Nora ging wieder zum Küchentisch und kippte resolut die Handtasche aus, sodass sich Kleingeld, Quittungen, verstaubte Pastillen und ein einzelner Handschuh, den sie seit dem Frühjahr vermisste, auf der Tischplatte verteilten. Und unter dem löchrigen Fäustling rollte tatsächlich der Ball hervor.
Sie legte ihre Finger darum und setzte sich für einen Moment hin. Dann schüttelte sie ihn leicht und drehte ihn im Kreis, sodass der Flitter im Innern herumzuwirbeln begann.
Als sie ihn wieder still hielt, sah sie das Herz und den Pfeil und die Abdrücke seiner Zähne – als hätte Jonas versucht, den Ball zu zerbeißen. Nur gut, dass er keine Ahnung gehabt hatte, was das für ihn bedeutet hätte. Wasser und Flitter überall: auf den Lippen, dem Pullover, dem Fußboden.
Eigentlich war es gar kein Ball, sondern eine Kugel aus hartem Plastik, aber für Jonas war es immer ein Ball gewesen.Sein Ball.
Es gelang ihr nicht, die Erinnerung festzuhalten. Sie stand auf, legte den Ball in die Tasche zurück, zog sich Jacke und Schal wieder an und trat vor den Spiegel im Flur. Sie zupfte ein paar Haare von ihrem Ärmel, strich sich die Frisur zurecht und die Jacke glatt un