Sommer 1134
Im Heiligen Land
FRÜHER SCHIMPFTE MAN sie Hexe und Hure.
Jetzt nicht mehr.
Sie saß im Herrensitz auf einem grauen Schlachtross und ritt vorsichtig über den Kriegsschauplatz. Überall lagen Leichen verstreut, Muslime wie Christen. Sie scheuchte die Krähen und Raben auf, die sich an den Toten labten und sich hinter ihr erneut in schwarzen Schwärmen sammelten. Die zweibeinigen Leichenschänder durchsuchten die Toten, zogen ihnen die Stiefel aus, rissen die Pfeile wegen der Spitzen und Federn aus den Wunden. Einige schauten sie an und wandten sich gleich wieder ab.
Sie wusste, was sie sahen: einen der vielen Ritter, die in der Schlacht gekämpft hatten. Ihre Brüste waren unter dem gepolsterten Kettenhemd verborgen. Ihr dunkles, schulterlanges Haar, kürzer als das der meisten Männer, verbarg ein konischer Helm; ihre zarten Gesichtszüge entstellte ein Nasenschutz. Das am Sattel festgeschnallte Breitschwert stieß rhythmisch gegen ihr linkes Knie und brachte die Beinlinge zum Klingen.
Nur wenige Menschen wussten, dass sie kein Mann war – undkein Einziger wusste, dass sie noch dunklere Geheimnisse hatte als ihr wahres Geschlecht.
Ihr Knappe erwartete sie am Rand einer zerfurchten Straße. Der steile Weg schlängelte sich zu einem einsam gelegenen Bergfried hoch. Das abweisende Bauwerk, tief im Naphtaligebirge gelegen, hatte keinen Namen und sah aus, als wäre es aus dem Berg herausgehauen. Hinter den Befestigungen stand die rote Sonne tief am Horizont, verschleiert vom Qualm der Lagerfeuer und der versengten Felder.
Der junge Knappe sank auf ein Knie nieder, als sie neben ihm ihr Pferd zügelte.
»Ist er noch da?«, fragte sie.
Ein Nicken. Verängstigt. »Der hohe Herr Godefroy erwartet dich.«
Der Knappe vermied es, in die Richtung der steinernen Feste zu blicken. Ihr selbst machte das nichts aus. Sie klappte das Visier hoch, um besser sehen zu können.
Endlich …
Sechzehn Jahre lang – seit ihr Onkel im Tempel zu Jerusalem den Orden der Armen Ritter gegründet hatte – hatte sie nach dem Unmöglichen gesucht. Nicht einmal ihr Onkel hatte für ihren Entschluss, sich den Templern anzuschließen, Verständnis gehabt, doch ihrem Familienzweig konnte sich niemand widersetzen. Und so hatte man ihr den weißen Umhang des Ordens umgelegt, sie in den Kreis der Neun aufgenommen und versteckt – so gesichtslos wie der Helm, den sie trug –, während der Orden an Zahl und Bedeutung zunahm.
Andere Angehörige ihrer Familie, ihres Geschlechts fuhren fort, den Ritterorden von innen und außen zu manipulieren; sie sammelten Reichtum und Wissen, suchten in verborgenen Krypten und alten Gräbern in Ägypten und im Heiligen Land nach wunderkräftigen Reliquien. Vor einem Jahr hätten sie beinahe die Gebeine der drei Weisen aus dem Morgenland erworben – die Reliquien der