: Alexa Hennig von Lange
: Die Welt ist kein Ozean
: cbj
: 9783641146948
: 1
: CHF 3.60
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: German
: 352
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Ausgerech et in einer psychiatrischen Klinik für Jugendliche will die 16-jährige Franzi ihr Schulpraktikum machen. Sie stellt sich das abenteuerlich und besonders vor – muss aber schnell erkennen, dass sie eine Welt betritt, in der die Normalität außer Kraft gesetzt ist. Hier trifft sie auf den 18-jährigen Tucker – und Tucker trifft sie voll ins Herz. Nach einem traumatischen Erlebnis spricht er nicht mehr. Tief in sich zurückgezogen, dreht er im Schwimmbad seine Runden, am liebsten unter Wasser, wo ihn keiner erreichen kann. Behutsam versucht Franzi, Kontakt mit ihm aufzunehmen. Als ihr das gelingt, steht sie vor einer schweren Entscheidung: Soll sie wie geplant für eine Zeit ins Ausland gehen? Oder dem Herzen folgen, das gerade erst wieder zu sprechen begonnen hat?

Alexa Hennig von Lange wurde 1973 geboren und begann bereits mit acht Jahren zu schreiben. 1997 erschien ihr DebütromanRelax, mit dem sie über Nacht zu einer der erfolgreichsten Autorinnen und zur Stimme ihrer Generation wurde. 2002 bekam sie den Deutschen Jugendliteraturpreis. Es folgten zahlreiche Romane für Erwachsene wie Jugendliche und Kinder, außerdem Erzählungen und Theaterstücke. Alexa Hennig von Lange lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern in Berlin.

Eins

Der erste Tag meines neuen Lebens

Seit ich auf der Welt bin, versucht meine Mutter, mich von allem fernzuhalten, was mich auch nur im Ansatz traumatisieren könnte. Aber genau darum fühle ich mich traumatisiert. Wie ein Versuchskaninchen, das in einer künstlichen Welt ohne Risiko aufwächst. Damit ist jetzt Schluss. Nächste Woche werde mich in den zerklüfteten Grand Canyon des Lebens begeben. Und zwar mittenrein. Um mich herum werden nichts als schwindelerregende Abgründe klaffen, in die ich hinabsehen muss, um das Menschsein in all seiner Unerbittlichkeit zu erleben.

»Du ziehst die Sache also wirklich durch?« Meine Freundin Nelli schielt auf den Fragebogen, den ich für meine angehende Praktikumsstelle in einer psychiatrischen Klinik ausfüllen muss. Es geht um die Selbsteinschätzung meines Seelenzustandes.

Ich mache ein schwungvolles Häkchen hinter die Frage, ob ich starke Nerven habe, und sage: »Klar!«

Sie nimmt den Kopfhörer aus ihrem Ohr. Der andere steckt noch in meinem Ohr. Es ist Freitagmittag. Wir haben Schule aus und hören unsere Für-immer-beste-Freundinnen-Playliste auf Nellis Handy, während wir in der U-Bahn durch den Tunnel schießen. Sie sagt: »Ich verstehe es einfach nicht.«

Ich sage: »Was ist daran so schwer?« Eigentlich will ich in Ruhe den Fragebogen ausfüllen, bevor gleich meine Klavierstunde anfängt. Aber daraus wird nichts.

Nelli dreht den Ton ab, als wir in die überfüllte U-Bahn-Station einfahren, und sieht mich zweifelnd an. »Warum ausgerechnet in einer Klinik für psychisch angeschlagene Jugendliche und nicht in einem der Fernsehstudios in Babelsberg?«

Das sind die begehrtesten Praktikumsplätze, weil da angeblich Serienstars herumlaufen oder man selbst für eine Statistenrolle entdeckt werden könnte.

Ich ziehe den Kopfhörer aus meinem Ohr, der sich mit seinem Kabel in meinem rot gelockten Haar verfängt, um es ihr noch einmal zu erklären. Aber bevor ich überhaupt ein Wort gesagt habe, unterbricht sie mich schon wieder.

»Mach mal Platz!« Sie rutscht näher an mich heran, weil sich neben sie ein abgerissener Typ mit fleckigen Jogginghosen fallen lässt. Sie murmelt, wobei sich kaum ihre Lippen bewegen: »Genau das meine ich: Was bitte ist aufregend an kaputten Typen, die ihr Leben nicht auf die Reihe kriegen? Guck dich mal um! Nur Verlierer.«

Immer mehr Leute drängen herein. Die Luft ist stickig. Und nachdem sich die Türen geschlossen haben, schießen wir wieder in den schwarzen Tunnel hinein. Hinter den Fenstern fliegen ein paar grelle Lichtsignale vorbei. Einige der Mitfahrenden sind tatsächlich ein bisschen still und starren müde vor sich hin, sodass man denken könnte, sie hätten wirklich irgendwie Pech gehabt. Zumindest, wenn man die Welt mit Nellis Augen sieht.

»Vielleicht haben die alle nur einen schlechten Tag«, sage ich, um bei Nelli für etwas Mitgefühl zu werben.

»Wer hat das nicht?« Meine beste Freundin gehört allerdings zu den Leuten, die Mitgefühl für überflüssig halten, seitdem ihr Vater vorletzte Weihnachten ohne Vorwarnung zu seiner neuen, jungen Freundin gezogen ist. Um nicht an diesem Verrat zu zerbrechen, meint Nelli, die Lösung sei, gefühllos zu sein. Sie lehnt sich zurück und seufzt: »Wie du weißt, bin auch ich schon durchs schwar