1. Der erste Schultag
Natürlich war klar, dass es eine langweilige und auch etwas peinliche Angelegenheit mit Festakt und allem Pipapo werden würde. Aber langweilig und peinlich ist echt okay. Schlimm wäre schlimm gewesen. Obwohl: Letzten Endes war mein Schulwechsel von der Grundschule ans Gymnasium dann doch irgendwie sehr eigenartig. Aber der Reihe nach.
An diesem viel zu frühen Morgen sagte Paps beim Zähneputzen, dass ich das weiße Hemd und die beige Hose anziehen soll. Er hatte dabei diesen bestimmten Ton in der Stimme, von dem er glaubt, ich könnte ihm nicht widersprechen. Das tue ich meistens auch nicht. Allerdings nicht, weil mir der Ton besonders imponiert, sondern weil Paps sich in diesen Momenten solche Mühe gibt und weil ich ihn lieb habe. Das Hemd und die Hose hatte ich schon vor einer Woche entdeckt und mich gewundert, wessen Klamotten da in meinem Schrank hingen. Auf die Idee, dass die Sachen für mich bestimmt waren, wäre ich nie im Leben gekommen.
»Deine Mutter und ich wünschen uns, dass du bei den Lehrern an der neuen Schule einen guten Eindruck machst«, sagte Paps mit Schaum und Zahnbürste im Mund.
Ich warf seinem Spiegelbild einen verwunderten Blick zu. Glaubten meine Eltern tatsächlich, so etwas könnte man mit einem Hemd und einer gebügelten Hose erreichen? Aber vielleicht hatten sie ja auch recht damit. Immerhin kennen sie die Erwachsenen besser als ich.
Also zwängte ich mich mit zusammengebissenen Zähnen in das schreckliche Hemd und die enge Hose. Zumindest machte es mir dermaßen verkleidet nicht mehr allzu viel aus, als sich Mama dann mit einem Kamm durch meine Haare arbeitete. Hinterher starrte ich im Flurspiegel auf meine halbwegs ordentliche Frisur. Sie war der schlagkräftigste Beweis dafür, dass die Freiheit und der Sommer zu Ende waren. Auf alle Fälle die Ferien.
Ich wollte gerade nach meinen Schuhen greifen, da traten meine Eltern vor mich hin und gingen nebeneinander in die Hocke. Ich hätte das nicht unbedingt gebraucht, aber ich wusste, dass ihnen eine letzte Ansprache zum großen Tag und auf Augenhöhe superwichtig war.
»Also, mein lieber Anton …«, begann Mama. Sie musste sich unterbrechen, weil sie versuchte, ihre Tränen hinunterzuschlucken.
»Tränen kann man erst schlucken, wenn sie einem in den Mund gekullert sind«, murmelte ich.
»Ach, mein Großer«, schluchzte Mama los.
Paps gab ihr schnell ein Taschentuch, und Mama schnaubte hinein. Das Taschentuch hatte neben meinem alten Ranzen gelegen. Den hatte ich nämlich gestern Abend noch gepackt, weil ich nicht wissen konnte, dass Mama und Paps mir heute einen neuen Schulrucksack und ein Federmäppchen mit Füller und Buntstiften schenken würden. Darum war es auch ganz umsonst gewesen, dass ich mit diesem Taschentuch versucht hatte, meinen alten Füller zu reparieren. Das hatte sowieso nicht geklappt. Blöd war allerdings, dass die Tinte im Taschentuch von Mamas Rotz und ihren Tränen wieder flüssig wurde. Darum schimmerte ihre Nase nach dem Schnauben bläulich. Ich sah, dass Paps etwas dazu sagen wollte, sich das dann aber verkniff. Was bestimmt auch besser war, denn es herrschte genug Aufregung.
»Alles klar?«, fragte Paps mich stattdessen.
»Alles klar«, sagte ich und lächelte meinen Eltern aufmunternd zu.
Das Gymnasium lag gleich um die Ecke. Eine Menge Eltern und Großeltern saßen bereits auf den wackligen Stühlen, die der Hausmeister in der Aula aufgebaut hatte. Er selbst stand in einer blauen Latzhose neben dem Eingan