Der Paradiesvogel (I)
Das Ende kam schnell, war aber von einem Omen angekündigt worden, davon jedenfalls wollte Signora A. uns in den letzten Monaten überzeugen, fast als ob eine Vorwarnung dem einen Sinn geben könnte, was schlichtweg Unglück war.
In den letzten Sommertagen, anderthalb Jahre vor ihrer Beerdigung, arbeitete sie im Garten hinter dem Mehrfamilienhaus. Sie rupfte die abgeernteten Bohnenpflanzen aus, um Platz zu schaffen für den Kohl, da lässt sich wenige Schritte von ihr entfernt ein Vogel nieder, oben auf einem der Steine, die das kleine Geviert abgrenzen, das ihr gehört.
Über ihre achtundsechzig Jahre gebeugt, die sie doch noch stützen, hält Signora A. inne, um den Vogel nicht zu erschrecken, während er ihr einen forschenden Blick zuwirft. Einen solchen Vogel hat sie noch nie gesehen. Die Größe ist ungefähr die einer Elster, aber die Farben sind ganz anders: Um den Kragen herum wachsen Büschel zitronengelber Federn hervor, die ihm bis auf die Brust hinabreichen und sich im blauen Gefieder des Rückens und der Flügel verlieren, und er hat einen langen Schwanz aus weißen Federn, Baumwollfasern, die am Ende eingerollt sind wie Angelhaken. Die Anwesenheit eines Menschen scheint ihn nicht zu stören, im Gegenteil, Signora A. hat den Eindruck, er habe sich dorthin gesetzt, damit sie ihn bewundern könne. Ihr Herz beginnt heftig zu klopfen, sie kann sich nicht erklären, warum, fast geben ihre Knie nach. Sie fragt sich, ob er vielleicht einer kostbaren, seltenen tropischen Art angehöre und dem Käfig seines Halters entflohen sei: Exemplare dieser Art gibt es in der Gegend von Rubiana nicht. Doch soweit sie weiß, gibt es in Rubiana auch keine Tierhalter.
Mit einem Ruck legt der Vogel den Kopf auf die Seite und beginnt mit dem Schnabel an einem Flügel zu zupfen. Seine Bewegungen haben etwas Mutwilliges, nein, nicht wirklich, wie heißt das Wort noch … etwas Hochmütiges, das ist es. Als er mit dem Putzen fertig ist, fixiert er Signora A. aus seinen tiefschwarzen Augen. Die am Körper anliegenden Federn zittern einen Augenblick, die Brust schwillt in zwei sehr langsamen Atemzügen an. Schließlich erhebt er sich lautlos von dem Stein und fliegt davon. Signora A. verfolgt seinen Flug, sie schützt sich mit der Hand vor der Sonne. Sie würde ihn gern noch länger beobachten, aber schon bald verschwindet der Vogel zwischen den Steineichen des Nachbargrundstücks.
In der folgenden Nacht träumte sie von dieser Art Papagei. Als sie mir das erzählte, war die Krankheit bereits voll ausgebrochen, und an diesem Punkt war es unmöglich, objektive von erdachten Elementen oder schlichter Einbildung zu unterscheiden. Aber ich glaube, es ist wahr, dass Signora A. am Morgen darauf in dem Buch über die Fauna des Susatals, das sie bei sich zu Hause hatte, nach einem Bild des Vogels suchte, denn sie zeigte mir das Buch. Und zweifellos ist es wahr, dass sie, als sie kein Bild fand, beschloss, zu ihrem Freund, dem Maler, zu gehen, der ein begeisterter Ornithologe war, denn sie erzählte mir von diesem Besuch in allen Einzelheiten.
Von der Natur ihrer Beziehung zu dem Maler habe ich nie viel begriffen. Sie war nicht geneigt, darüber zu sprechen, vielleicht aus Schamgefühl, denn er war ein bekannter Maler – zweifellos die berühmteste Person, zu der sie nach Renatos Tod noch Kontakt hatte –, oder sie war ganz einfach eifersüchtig. Ich weiß, dass sie gelegentlich für ihn kochte oder in seinem Auftrag Besorgungen machte, aber im Grunde war sie eine Art Gesellschafterin für ihn, eine Freundin, mit der man sich in keuscher Weise unterhält. Ich habe den Eindruck, sie sahen sich öfter, als sie zu verstehen gab. Jeden Sonntag nach der Messe ging Signora A. ihn besuchen und blieb bis zur Mittagszeit. Die Villa des Malers, versteckt hinter sehr hohen Buchen und mit dem intensiven Rot ihrer Fassade, lag kaum drei Minuten mit dem Auto oder zehn Minuten zu Fuß von ihrem Haus entfernt an einer Asphaltstraße, die einen Halbkreis beschreibt.
Der Maler war ein Zwerg: Sie hatte keine Hemmungen, ihn so zu nennen, ja, sie sprach dieses Wort mit einer Spur befriedigter Grausamkeit aus. Nach so vielen Jahren, gestand sie mir, habe sie nicht aufgehört, sich dumme Gedanken über ihn zu machen, zum Beispiel habe sie nie aufgehört, sich zu fragen, wie es sein musste, im Sitzen nicht mit den