: Paolo Giordano
: Schwarz und Silber
: Rowohlt Verlag Gmbh
: 9783644049314
: 1
: CHF 10.00
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 176
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Nach seinem Weltbestseller «Die Einsamkeit der Primzahlen» schreibt Paolo Giordano nun in einem kurzen, aber dichten Roman über die Einsamkeit im Leben als Paar. Nora und ihr Mann leben mit ihrem kleinen Sohn in Turin. Sie ist Architektin, er ist Physiker. Im Alltag werden sie unterstützt von der wunderbaren Babette - sie ist die Frau für alles, sie betreut das Kind, sie kocht, sie schmeißt den Haushalt. Und sie bildet den ruhenden Pol für das junge Paar. Eigentlich heißt sie Anna, aber sie wird Babette genannt, in Hommage an das Hausmädchen Babette in Tania Blixens berühmter Novelle «Babettes Fest». Babette gehört zur Familie. Doch eines Tages kann sie nicht mehr kommen, sie ist an Krebs erkrankt. Was passiert, wenn plötzlich jemand fehlt, der immer da war? Ohne Babettes schützenden Blick verliert das Ehepaar seinen Halt, jeder zieht sich in sich selbst zurück, Gefühle, deren man sich sicher war, verschwinden. Paolo Giordano zeigt mit der ihm eigenen präzisen Beobachtungsgabe und großen Empathie, wie das Fehlen eines geliebten Menschen alles verändert und wie man gleichzeitig die Erinnerung an eine geliebte Person wachhalten kann. Mit psychologischer Meisterschaft beschreibt er, wie Bindungen entstehen, wie wir mit Gefühlen umgehen, sie verlieren und wiederfinden können. Welche Farben haben Gefühle? Giordano wendet die Viersäftelehre des griechischen Gelehrten Galenos auf seine Protagonisten an. Das Schwarz der Melancholie und das Silberne der Fröhlichkeit zeichnen den Ich-Erzähler und seine Frau aus und geben dem Buch seinen Titel. Lassen sich Gefühle bei einem Paar mischen? Ist es wie bei kommunizierenden Gefäßen? Oder bleibt jeder in seiner eigenen Gefühlswelt und dem anderen für immer ein wenig fremd? Ein wunderschöner Liebesroman und ein würdevoller Trost für alle, die einen geliebten Menschen verloren haben.

Paolo Giordano wurde 1982 in Turin geboren, wo er Physik studierte und mit einer Promotion in Theoretischer Physik abschloss. Danach arbeitete er als profilierter Journalist. Sein erster Roman «Die Einsamkeit der Primzahlen» war ein internationaler Bestseller. Er wurde in über vierzig Sprachen übersetzt und verfilmt. Zuletzt erschien sein vielbeachteter Roman 'Den Himmel stürmen'. Giordano erhielt mehrere Auszeichnungen, darunter den angesehensten italienischen Literaturpreis, den Premio Strega. Paolo Giordano lebt in Rom.

Der Paradiesvogel (I)


Das Ende kam schnell, war aber von einem Omen angekündigt worden, davon jedenfalls wollte Signora A. uns in den letzten Monaten überzeugen, fast als ob eine Vorwarnung dem einen Sinn geben könnte, was schlichtweg Unglück war.

In den letzten Sommertagen, anderthalb Jahre vor ihrer Beerdigung, arbeitete sie im Garten hinter dem Mehrfamilienhaus. Sie rupfte die abgeernteten Bohnenpflanzen aus, um Platz zu schaffen für den Kohl, da lässt sich wenige Schritte von ihr entfernt ein Vogel nieder, oben auf einem der Steine, die das kleine Geviert abgrenzen, das ihr gehört.

Über ihre achtundsechzig Jahre gebeugt, die sie doch noch stützen, hält Signora A. inne, um den Vogel nicht zu erschrecken, während er ihr einen forschenden Blick zuwirft. Einen solchen Vogel hat sie noch nie gesehen. Die Größe ist ungefähr die einer Elster, aber die Farben sind ganz anders: Um den Kragen herum wachsen Büschel zitronengelber Federn hervor, die ihm bis auf die Brust hinabreichen und sich im blauen Gefieder des Rückens und der Flügel verlieren, und er hat einen langen Schwanz aus weißen Federn, Baumwollfasern, die am Ende eingerollt sind wie Angelhaken. Die Anwesenheit eines Menschen scheint ihn nicht zu stören, im Gegenteil, Signora A. hat den Eindruck, er habe sich dorthin gesetzt, damit sie ihn bewundern könne. Ihr Herz beginnt heftig zu klopfen, sie kann sich nicht erklären, warum, fast geben ihre Knie nach. Sie fragt sich, ob er vielleicht einer kostbaren, seltenen tropischen Art angehöre und dem Käfig seines Halters entflohen sei: Exemplare dieser Art gibt es in der Gegend von Rubiana nicht. Doch soweit sie weiß, gibt es in Rubiana auch keine Tierhalter.

Mit einem Ruck legt der Vogel den Kopf auf die Seite und beginnt mit dem Schnabel an einem Flügel zu zupfen. Seine Bewegungen haben etwas Mutwilliges, nein, nicht wirklich, wie heißt das Wort noch … etwas Hochmütiges, das ist es. Als er mit dem Putzen fertig ist, fixiert er Signora A. aus seinen tiefschwarzen Augen. Die am Körper anliegenden Federn zittern einen Augenblick, die Brust schwillt in zwei sehr langsamen Atemzügen an. Schließlich erhebt er sich lautlos von dem Stein und fliegt davon. Signora A. verfolgt seinen Flug, sie schützt sich mit der Hand vor der Sonne. Sie würde ihn gern noch länger beobachten, aber schon bald verschwindet der Vogel zwischen den Steineichen des Nachbargrundstücks.

 

In der folgenden Nacht träumte sie von dieser Art Papagei. Als sie mir das erzählte, war die Krankheit bereits voll ausgebrochen, und an diesem Punkt war es unmöglich, objektive von erdachten Elementen oder schlichter Einbildung zu unterscheiden. Aber ich glaube, es ist wahr, dass Signora A. am Morgen darauf in dem Buch über die Fauna des Susatals, das sie bei sich zu Hause hatte, nach einem Bild des Vogels suchte, denn sie zeigte mir das Buch. Und zweifellos ist es wahr, dass sie, als sie kein Bild fand, beschloss, zu ihrem Freund, dem Maler, zu gehen, der ein begeisterter Ornithologe war, denn sie erzählte mir von diesem Besuch in allen Einzelheiten.

Von der Natur ihrer Beziehung zu dem Maler habe ich nie viel begriffen. Sie war nicht geneigt, darüber zu sprechen, vielleicht aus Schamgefühl, denn er war ein bekannter Maler – zweifellos die berühmteste Person, zu der sie nach Renatos Tod noch Kontakt hatte –, oder sie war ganz einfach eifersüchtig. Ich weiß, dass sie gelegentlich für ihn kochte oder in seinem Auftrag Besorgungen machte, aber im Grunde war sie eine Art Gesellschafterin für ihn, eine Freundin, mit der man sich in keuscher Weise unterhält. Ich habe den Eindruck, sie sahen sich öfter, als sie zu verstehen gab. Jeden Sonntag nach der Messe ging Signora A. ihn besuchen und blieb bis zur Mittagszeit. Die Villa des Malers, versteckt hinter sehr hohen Buchen und mit dem intensiven Rot ihrer Fassade, lag kaum drei Minuten mit dem Auto oder zehn Minuten zu Fuß von ihrem Haus entfernt an einer Asphaltstraße, die einen Halbkreis beschreibt.

Der Maler war ein Zwerg: Sie hatte keine Hemmungen, ihn so zu nennen, ja, sie sprach dieses Wort mit einer Spur befriedigter Grausamkeit aus. Nach so vielen Jahren, gestand sie mir, habe sie nicht aufgehört, sich dumme Gedanken über ihn zu machen, zum Beispiel habe sie nie aufgehört, sich zu fragen, wie es sein musste, im Sitzen nicht mit den