Der Winter kam spät in diesem Jahr, erst Ende Januar, dann allerdings mit ganzer Kraft. Es wehte ein leichter, aber steter Ostwind, der die Menschen in die Wangen biss und ihnen Tränen in die Augen trieb.
Ganze Rudel Damwild konnte man bald auf den mit Schnee bedeckten Feldern sehen, und auf den Höfen und Gütern fing man bald mit Wildfütterungen an, um das Überleben der Tiere zu sichern.
Besonders schlimm wurde es, als in der zweiten Februarwoche auch noch ein Sturm aufkam. Da musste so mancher Weg und so manche Zufahrt zu den Bauernhöfen freigeschaufelt werden, und die Reetdächer der niedrigen Katen, die früher von den Tagelöhnern, die auf den Gutshöfen gearbeitet hatten, bewohnt worden waren, schienen unter der Schneelast zu stöhnen.
In der Woche danach geschah es, dass der alte Jakob vom Jägersberg starb. Das kam nicht gänzlich unerwartet, denn Jakob hatte schon längere Zeit mit einer Lungenentzündung im Bett gelegen, die einfach nicht besser werden wollte.
Am ersten Weihnachtstag hatte Jakob sich noch einmal aufgerafft, um in den Festgottesdienst zu gehen, und als er wieder in sein Haus zurückgekehrt war, legte er sich sofort wieder hin und stand nicht mehr auf. Er weigerte sich hartnäckig, sich ins nahe Kreiskrankenhaus bringen zu lassen, und selbst sein Neffe Paul, der Besitzer des Gutes vom Jägersberg, das kaum zwei Kilometer entfernt lag, vermochte Jakob nicht umzustimmen.
Es verging kein Tag, an dem der Neffe nicht an das Krankenbett des alten Onkels eilte, dem bedauernswerten Patienten die fiebrige Hand hielt und nicht aufhörte, mit ihm zu reden und gleichzeitig zu hoffen, dass doch noch alles gut werden würde. Doch diese Hoffnung schwand mit jedem Tag, den Jakob vom Jägersberg länger im Bett lag, ein bisschen mehr.
Einmal jedoch, zwei oder drei Tage bevor Jakob die Augen für immer schließen sollte, war der alte Mann mit einem Mal ganz wach und sah seinen Neffen mit klarem Blick an.
»Wo ist Tom?«, fragte er mit jener markanten, tiefen Stimme, die vor seiner schweren Krankheit so typisch für ihn gewesen war, und einen Augenblick lang gab Paul sich der Illusion hin, dass die Krise möglicherweise überwunden war und der Onkel sich auf dem Wege der Besserung befand.
»Ich weiß es nicht«, antwortete Paul nach einem kurzen Nachdenken darüber, ob er dem Onkel die Wahrheit wohl zumuten konnte.
Es war tatsächlich so, dass Paul nicht wusste, wo sein jüngerer Bruder war, und Jakob hörte es mit einem kleinen Nicken, was wohl bedeuten sollte, dass er verstand. Es wäre sehr ungewöhnlich gewesen, wenn Paul präzise Auskunft über das Leben und Treiben seines Bruders hätte machen können.
Paul und Tom waren zwar nicht direkt zerstritten, aber sie standen sich auch nicht besonders nahe. Das war kein Geheimnis, und der alte Onkel hatte das auch immer gewusst.
Paul umschrieb die Beziehung zu seinem Bruder gerne mit den Worten, dass sie nicht viel füreinander übrig hätten. Insgeheim war er jedoch davon überzeugt, dass Tom ihn nicht mochte, und das hatte ihn immer empört.
Manchmal erinnerte er sich beinahe wehmütig daran, was für ein zurückhaltendes Kind Tom gewesen war, scheu, wortkarg und ohne jemals irgendjemandem Kummer zu bereiten.
Aber nachdem Tom herangewachsen war, hatte er sich verändert, u