»Du wirst Melinda vergessen, Henrik«, sagte Hella van Doeren voller Überzeugung und trat hinter ihren Bruder, der vor dem Kamin kniete und mit finsterem Gesicht zerrissene Fotos in das knisternde Feuer warf. Den mitfühlenden Händedruck seiner Schwester bemerkte er kaum. »Sie ist es nicht wert.«
»Oh, mach dir um mich keine Sorgen«, erwiderte Henrik und erhob sich. »Ich werde es überleben.«
»Sicher.« Sie nickte. »Es fragt sich nur, wie. Du hast sie geliebt, oder nicht?«
»Habe ich das?«, kam es derart kalt zurück, dass ein eisiger Schauer über Hellas Rücken lief.
»Henrik, bitte!«, rief sie verzweifelt und packte ihn an den Schultern. »Lass es nicht zu! Bitte! Du hast doch eben erst wieder angefangen, wirklich zu leben. Lass nicht zu, dass eine Frau wie Melinda dein Leben zerstört. Versteck dein Herz nicht wieder hinter einem Panzer aus Eis.«
Henrik van Doeren musterte seine besorgte Schwester aus hellen, ausdruckslosen Augen.
»Zum ersten Mal, seit Annelie mich verlassen hat, habe ich einer Frau wieder vertraut – nur, um ein weiteres Mal enttäuscht zu werden. Nein, Hella, so etwas wird mir nie wieder passieren.«
»Henrik, kein Mensch kann ohne Liebe leben«, widersprach Hella ihrem Bruder und wusste doch schon, wie sinnlos ihre Worte waren.
»Ich musste schon einmal ohne Liebe leben«, entgegnete er mit bitterem Lachen. »Und ich kann es wieder. Soll man mich doch für einen Eisklotz ohne Gefühle halten. Damit kann ich leben – mit immer neuen Enttäuschungen nicht!«
»Wenn es nur das wäre.« Seine Schwester seufzte niedergeschlagen. »Aber seit der Geschichte mit Annelie wirfst du alle Frauen in einen Topf. Du verachtest sie alle und begegnest ihnen auch so, selbst denen, die es gut mit dir meinen.«
Henrik lachte auf. »Gut mit mir? Mit sich selbst, meinst du wohl. Melinda ist doch der schlagende Beweis. Ich habe ihr vertraut, aber sie hat keinen Augenblick lang diese Gefühle erwidert. Sie wollte sich mit dem Eisklotz Henrik van Doeren schmücken. Du hättest den Triumph in ihren Augen sehen sollen, als ich ihr meine Liebe gestand.«
»Ja, sie hat dich enttäuscht«, stimmte seine Schwester seinen bitteren Worten zu. »Aber durch sie hast du doch auch erkannt, dass deinem Leben etwas fehlt, oder etwa nicht?«
»Durchaus nicht, Hella, durchaus nicht. Das alles hat mir nur gezeigt, wie recht ich hatte!«
»Du bist verletzt, das ist verständlich«, meinte Hella. »Vielleicht solltest du erst einmal etwas Abstand gewinnen. In ein paar Wochen siehst du sicher alles ganz anders, Henrik.«
Er lachte auf. »Was soll ich tun? Mich in ein Mauseloch verkriechen und dann mein Schicksal beweinen?«
»Warum fährst du nicht für ein paar Tage nach Estersum, in deine Kate?«, schlug sie vor. »Dort hast du Gelegenheit, über alles nachzudenken und mit dir ins Reine zu kommen.«
Henriks Blick schien in eine weite Ferne zu gleiten.
»Estersum«, wiederholte er leise, und es klang beinahe sehnsüchtig. »Ja, das ist eine gute Idee. Este