Niccolos Fährlichkeiten
(Agnolo Firenzuola)
Es waren schon vor langer Zeit in euern Gegenden zwei Bürger von vornehmer Abkunft und in sehr wohlhabenden Glücksumständen, die aber nicht zufrieden mit den mannhaften Taten ihrer Vorfahren und nicht der Meinung waren, anderer Handlungen seien eine echte Zier für sie, somit sich durch ihre eigenen Ruhm und Achtung erwarben, so daß sie dem Adel mehr Glanz verliehen, als er ihnen. Durch Studien, ritterliches Treiben und tausend andere anständige Übungen hatten sie sich in Florenz einen solchen Namen erworben, daß einer den andern in ihrem Preise überbot. Unter ihren löblichen Eigenschaften zeichnete sich besonders aus eine gewisse Liebe, eine Herzensbrüderschaft, vermöge deren, wo der eine war, auch der andere war, was der eine wollte, auch der andere wollte.
So lebten die beiden Männer ein untadelhaftes ruhiges Leben; das Glück aber schien auf sie neidisch zu werden.
Niccolo degli Albizi, einer der Freunde, erhielt die Nachricht von dem Tode eines Bruders seiner Mutter. Dieser war in Valencia ein sehr reicher Handelsherr, und da er keinen Sohn noch sonst einen näheren Verwandten hatte, setzte er ihn zu seinem Gesamterben ein. Niccolo wollte seine Angelegenheiten mit eigenen Augen untersuchen und entschloß sich daher, nach Spanien zu gehen. In dieser Absicht forderte er Coppo, seinen Freund, auf, ihn zu begleiten, und dieser war es vollkommen zufrieden. Schon hatten sie das Wie und Wann verabredet, als ihr Unstern wollte, oder vielleicht ihr Glück, daß grade in dem Augenblick, wo sie abreisen wollten, Coppos Vater Giovambatista Canigiani so heftig erkrankte, daß er in wenigen Tagen verschied; wenn also Niccolo gehen wollte, so mußte er allein gehen; und doch ließ er seinen Freund ungern zurück, zumal aus solchem Anlaß. Von den Umständen gedrängt, schlug er den Weg nach Genua ein, bestieg daselbst ein genuesisches Schiff und ging unter Segel. Die Fahrt war aber keineswegs glücklich; denn noch waren sie nicht hundert Meilen vom Lande weg, als gegen Sonnenuntergang die See sich mit einem weißen Schaum bedeckte, sich aufzuschwellen begann und tausend andere Zeichen einen Sturm drohten. Der Schiffspatron bemerkte dies gleich und wollte Anstalt treffen, sich zu schützen; aber Regen und Wind überfielen ihn auf einmal so übermächtig, daß er keine Vorkehrung auszuführen imstande war. Überdies hatte sich die Luft mit einem Schlage so sehr verdunkelt, daß man gar nichts mehr sah, wenn nicht von Zeit zu Zeit der Blitz einen gewissen Schimmer verbreitete, der im nächsten Augenblick durch nur um so größere Finsternis ersetzt wurde, wodurch das Ganze viel schauderhafter und erschrecklicher erschien. Kläglich war der Anblick der armen Reisenden, die, um sich vor den Drohungen des Himmels zu schützen, oft gerade das Gegenteil von dem taten, was zu tun war; und wenn der Patron nichts zu ihnen sagte, so war das Geräusch des aus den Wolken stürzenden Wassers und der aneinanderstoßenden Wogen und der heulenden Taue so groß, die Segel pfiffen und Donner und Blitz machten einen solchen Lärm, daß auch niemand gehört hätte, was er sprach; und je mehr die Not wuchs, desto mehr fehlte es allen an Mut und Rat.
Was meint ihr, daß im Innern dieser Unglücklichen vorgegangen sei, als sie sahen, wie das Schiff bald zum Himmel emporzusteigen und bald die Wogen spaltend bis zur Hölle niederzufahren schien? Wie mögen sich da die Haare gesträubt haben, als es aussah, als sei der ganze Himmel in Wasser verwandelt und wolle ins Meer herabregnen, und wie dann das Meer sich blähte und schäumte und zum Himmel aufstrebte! Wie mag es ihnen zumute gewesen sein, wenn sie sahen, wie andere ihre teuerste Habe ins Meer warfen, ja, wenn sie es selbst tun mußten, um Schlimmeres zu vermeiden? Das zerschlagene Schiff war ganz dem Gutdünken der Winde überlassen, bald von ihnen emporgeschleudert, bald von den Wellen zerstoßen, und suchte, ganz angefüllt von Wasser, nach einer Klippe, die den Mühsalen der unglücklichen Schiffer ein Ende mache. Die Leute wußten nun nichts mehr zu tun, sie umarmten und küßten sich und weinten und riefen um Erbarmen, so laut sie konnten. Viele wollten andere trösten, die doch selbst Trostes bedurften; aber ihre Worte endeten in Seufzern und in Tränen. Viele, die jüngst noch den Himmel verhöhnten, beteten nun wie Nonnen. Der eine rief die Jungfrau Maria an, der andere Sankt Niccolo von Bari; der schrie zu Sankt Ermo, jener wollte ans Heilige Grab wallfahrten, einer Mönch werden, ein anderer um Gottes Barmherzigkeit willen eine Frau nehmen; da wollte ein Kaufmann Ersatz leisten, dort wollte einer nicht mehr wuchern; der ruft den Vater, der die Mutter, der gedenkt der Freunde, der der Kinder; und der Anblick dieses besondern Unglücks der einzelnen, das Mitleid, das sie miteinander fühlten, das Jammergeschrei, das sie vernahmen, machte das Unglück noch tausendmal größer.
Als nun die Armen in solcher Gefahr schwebten, brach unter einem heftigen Windstoße der Mast zusammen: das Schiff ging auseinander in tausend Teile, und die meisten von ihnen zerstreuten sich in das grauenvolle Meer, um ein Fraß der Fische und anderer Seeungetüme zu werden. Ma