: Burga Kalinowski
: War das die Wende, die wir wollten? Gespräche mit Zeitgenossen
: Neues Leben
: 9783355500203
: 1
: CHF 11.70
:
: Gesellschaft
: German
: 320
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
War das die Wende, die wir wollten? Diese Frage bewegt bis heute die Menschen im Osten. Aus den Anworten darauf ist ein ungewöhnliches Buch entstanden - kritisch, nachdenklich, zornig. Ehrlich. Mit dabei Jutta Wachowiak (Schauspielerin), Ronald Paris (Maler und Grafiker), Rainer Kirsch (Schriftsteller), Hans-Eckardt Wenzel (Musiker und Regisseur), Peter Bause (Schauspieler), Daniel Rapoport (Wissenschaftler), Victor Grossman (Journalist), Gisela Oechel­haeuser (Kabarettistin), Peter-Michael Diestel (Anwalt), Walfriede Schmitt (Schauspielerin), Gerd Fehres (1989/1990 Botschafter in Ungarn), Manfred Stolpe (Ministerpräsident a. D.), Nico Hollmann (Musiker), Willibald Nebel (Kalikumpel Bischofferode), Alicia Garate (chilenische Emigrantin)

Burga Kalinowski, in Österreich geboren und in der DDR aufgewachsen. Sie lernte Bibliothekarin, ging ans Theater und entschied sich schließlich für den Journalismus. Nach der Wende war sie frei tätig für Fernsehen und Printmedien. Sie führte u. a. Interviews mit Stephane Hessel, Walter Momper, Friedrich Schorlemmer, Hans Modrow, Florian Havemann. Kalinowski lebt in Berlin.

Sie können die Dreigroschenoper heut so spielen, als wär1928

Peter Bause

Berlin| Schauspieler| Jahrgang1941

1989 – was war das für eine Zeit?

Es war eine Zeit, von der Werner Finck gesagt hätte: Es gibt Zeiten, da braucht man bloß ein kleines Hämmerchen, haut an die Glocke – und es entsteht ein großer Ton. So war die Zeit1989 in derDDR.

Künstlerisch hochbefriedigend, Theater oder Kabarett zu machen: Jede aktuelle Anspielung wurde sofort mit großem Spaß und Verständnis vom Publikum aufgenommen. Natürlich begriffen die Leute den Unterschied zwischen »ND« und Wirklichkeit und waren dankbar, dass es, wenn schon nicht im Fernsehen, aber auf der Bühne gesagt wurde. Und das war ein Stück Erfüllung, weswegen man ja auf der Bühne steht.

Sie gehörten damals dem Berliner Ensemble an. Erinnern Sie sich an konkrete Situationen?

Ja. Beispiel: Ein Kollege brachte es fertig, als gerade der »Sputnik« verboten wurde, in der »Dreigroschenoper« aufzuspringen, loszulaufen und zu rufen: Die Polizei kommt. Das war noch Originaltext. Dann sagte er aber weiter: Die Polizei kommt, die denken, hier wird der »Sputnik« gedruckt. Und was sich dann abspielte, war natürlich höchstes Vergnügen.

Diese Auseinandersetzung mit der Zeit fand auch hinter der Bühne statt?

Selbstverständlich diskutierten wir die Ereignisse, die draußen passierten. So wie überall. Und ich muss noch mal betonen, dass wir im Berliner Ensemble sowieso nie ein Blatt vorn Mund genommen und uns immer frank und frei geäußert haben. Dafür sorgte schon Manfred Wekwerth, unser Intendant. Er hat Fragen und Diskussionen immer sehr befördert. Andere mögen andere Eindrücke haben, ich kann mich nicht beschweren. Mir ging es sehr gut am Berliner Ensemble mit meinen Rollen, mit den Erfolgen – und mit meiner Meinung habe ich auch nicht hinterm Berg gehalten, muss ich schon so sagen. Eine andere Sache ist die Frage nach der Realität. Die wurde immer beklemmender, je mehr Leute das Land verlassen haben. Vor allem junge Leute, wie mein ältester Sohn. Erschreckend, wie dieDDR-Führung damit umgegangen ist. Dieser unsägliche Tränen-Satz von Erich Honecker! Er hatte es im Faschismus doch selber erlebt, wie das ist, wenn Familien getrennt werden oder Gewalt herrscht. Und dass die alten Männer das so vergessen konnten und für ihren Machterhalt so strampelten, das war das Erschreckendste. Aber dass es dann so kommt, wie es gekommen ist, das wusste man natürlich nicht.

Hatten Sie das Gefühl, es muss sich was ändern?

Ja.

Hatten Sie eine Vorstellung, was und wie?

Nein. Es war nur dieses Gefühl, dass die Sache nicht mehr stimmte, keine Balance mehr. Deswegen standen auch viele Künstler auf der Barrikade, und die Unterhaltungskünstler waren uns sogar ein bisschen mit der Initiative voraus. Ich glaube, die Gesellschaftsordnung stand nicht infrage, der Sozialismus sollte ein anderer werden, ein demokratischer und ein offener So