Als es stürmisch an die Tür zu dem kleinen Büro klopfte, wusste Gertie Honeck, die Leiterin der Stadtbücherei, sofort, wer da zu ihr wollte.
»Komm rein, Eva!«, forderte sie ein wenig resigniert auf.
Die Tür flog auf, und auf der Schwelle stand Eva Berghofer, die junge Bibliothekarin. Sie hatte so gar nichts Zurückhaltendes, Stilles, Gedämpftes – typische Eigenschaften, die man einer Bibliothekarin sofort zugeschrieben hätte.
Im Gegenteil, Eva wirkte stets atemlos, vom Winde verweht und sehr, sehr energiegeladen. Unvorstellbar, dass sie sich für Stunden ruhig mit einem Buch in einem ungestörten Winkel zurückzog, um zu lesen.
»Du hast mich erwartet?«, fragte sie überrascht.
Gertie lächelte milde. »Ich habe dich an deinem Klopfen erkannt. Außerdem dachte ich mir, dass ich heute noch von dir höre.«
»Wieso? Kannst du hellsehen?« Eva zog sich einen Stuhl heran und tat auch dies mit viel Geräusch.
Gertie zuckte deshalb leicht zusammen. »Eva, ich bitte dich! Das sind lauter neue Bücher, mit denen wir behutsam umgehen müssen. Der Stadtrat bewilligt uns nicht so bald wieder einen Zuschuss, damit wir Frauenliteratur kaufen können …«
»Ich frage mich sowieso, ob wir dafür Leser finden«, brummte Eva und warf schwungvoll ihr braunes, langes Haar in den Nacken.
»Wieso nicht?«, wollte Gertie nun verwundert wissen.
Eva zuckte mit den Schultern. »Ach, Gertie, wir wohnen in einer kleinen Stadt, und wir sind nur eine kleine Bücherei. Hier hat nie eine Frauenbewegung stattgefunden, bis hierher ist der Ruf der Feministinnen nie gedrungen.«
»Das hindert mich aber nicht daran, unseren Lesern diese Literatur anzubieten«, meinte Gertie gelassen. »Nur so können wir schließlich das Interesse wecken.«
»Sicher, sicher.« Eva nickte.
»Aber wir können das Pferd nur zum Wasser tragen, Gertie, saufen muss es letztlich selbst.«
Gertie hob die Augenbrauen. »Sehr drastisch, wie du dich heute wieder ausdrückst. Ich frage mich überhaupt, woher du abends um halb sechs noch deine Energie nimmst.«
»Ja, das frage ich mich heute auch«, seufzte Eva. »Denn bis vor fünf Minuten habe ich noch einen ganzen Kindergarten abgefertigt. Das war Schwerstarbeit. Die lieben Kleinen brachten sämtliche Regale durcheinander und die Karteikarten und …«
»Na, dann wissen wir ja heute wenigstens, womit wir unseren Feierabend verbringen«, sagte Gertie nüchtern. »Nämlich mit Aufräumen.«
Eva machte ein bittendes Gesicht. »Liebe Gertie, darum geht es ja gerade. Ich muss heute pünktlich weg, ich kann nicht eine Minute länger bleiben.«
»Warum denn das nicht? Ach, ich erinnere mich. Weil du heute Morgen zu spät gekommen bist, musst du heute Abend früher nach Hause.« Gerties Augen blitzten.
»Ich hatte eine Panne mit meinem Wagen«, verteidigte sich Eva heftig. »Er ist nun mal nicht besonders zuverlässig.«
»Wenn du weißt, dass