Die junge Frau war schön. Und die junge Frau fiel auf – obwohl in Cannes Schönheit etwas ganz Alltägliches war.
Ihre Bewegungen waren geschmeidig und anmutig wie die einer Gazelle, und ihre großen, dunklen Augen leuchteten geheimnisvoll.
Dickes, blondes Haar fiel ihr weit über den Rücken.
Sie hatte eine Figur, die man sich weder durch Diät noch durch Gymnastik aneignen konnte. So eine Figur war ein Gottesgeschenk.
Nathalie war in vielerlei Hinsicht von den Göttern verwöhnt worden.
Sie war Model und ganz oben an der Spitze. Eine Tagesgage, wie sie sie erhielt, bekamen nur ganz wenige. Und sie war beinahe täglich ausgebucht.
Zumindest bis zu diesem denkwürdigen Tag im Oktober, der ihr Leben in mehr als einer Hinsicht verändern sollte.
Wie jedes Jahr, wenn der Nordwind anfing, an Türen und Fenstern zu zerren, war sie in den milden Herbst der Côte d’Azur geflüchtet.
Bis in den November brütete die Hitze über der Altstadt von Cannes, über dem Hafen mit seinen Luxusjachten und der berühmten Strandpromenade.
Bei einigen Häusern rankten sich Weinreben vor den Fenstern. Andere standen im Schatten der Tamarisken, Platanen und Ahornbäume.
Eindrucksvoll waren die kostbaren Gärten und japanischen Parkanlagen mit ihren kleinen Tempeln angelegt, und nahezu überall gab es Beete voll seltener Blumen und Düfte.
Die Sonne ging hinter dem Turm von Le Suquet unter, und Nathalie schlenderte, wie jeden Abend, über die Flaniermeile Boulevard de la Croisette.
Auf der einen Seite begleitete sie das Meer, und auf der anderen Seite standen das Casino und Geschäfte mit luxuriösen Schaufenstern, in denen Dessous, Schuhe und Juwelen ausgelegt waren.
Dazwischen befanden sich immer wieder Bistros, Bars und Restaurants mit kunstvoll gestalteten Büfetts. Austern und Seeigel thronten auf Gletschern aus Eiswürfeln, verziert mit Zitronenscheiben, Kaviar, Lachs und Hummer.
Nathalie war allein.
Nach dem Trubel im Studio und nach dieser heißen, lauten, konzentrierten Welt des künstlichen Lichts, der künstlichen Gebärden und des künstlichen Lächelns sehnte sie sich nach der Natur.
Nathalie versuchte sie, soweit es inmitten der Autoschlangen von Cannes überhaupt möglich war, zu finden.
Wenig später stand die junge Frau am Hafen.
Der Mond stieg höher und warf sein silbernes Band ins Meer, geradewegs auf eine Luxusjacht, die wie ein Geisterschiff draußen an der Mole lag.
Jetzt wurde das Beiboot ins Wasser gelassen und kam langsam auf Nathalie zu.
Der Mann, der das Boot steuerte, war nicht viel mehr als ein Schatten.
Als er näherkam, sah Nathalie, dass der Schatten schwarzes Haar und ein Lächeln hatte, das ihr Herz von der ersten Sekunde an schneller schlagen ließ.
In jener Oktobernacht begann ihre Liebe zu Mario Kaiser, jenem charmanten, blendend aussehenden Fabri