Für Jasmin Keller war eine Welt zusammengebrochen.
Das Missgeschick, das sie das obere Glied ihres linken Zeigefingers gekostet hatte, lag inzwischen ein Dreivierteljahr zurück, doch für Jasmin fühlte es sich an, als wäre der Unfall erst gestern geschehen. Seitdem bereute sie jeden Tag, dass sie mit ihrer Nichte eislaufen gegangen war.
Das Stadion war überfüllt gewesen. Unachtsame Menschen gab es überall, und dann war Jasmin auch noch hingefallen. Alles war so schnell gegangen, dass zum Reagieren keine Zeit geblieben war. Ein schrecklicher Schmerz war durch ihren Körper gegangen. Zum Glück hatten die Kufen nur einen Finger erwischt.
In der Notaufnahme war die Rettung des Fingers jedoch nicht mehr möglich gewesen.
Der Makel war zu verschmerzen. Kaum jemand bemerkte, dass Jasmins Zeigefinger verkürzt war. Aber ihren Beruf, den Jasmin über alles liebte, konnte sie seitdem nicht mehr ausüben. Das setzte ihr am meisten zu, denn sie war mit Leib und Seele Pianistin gewesen.
Natürlich konnte sie auch jetzt noch spielen, aber nicht mehr auf dem hohen Niveau, das nötig war, um ein Engagement beim Bayerischen Staatsorchester zu rechtfertigen. So in etwa hatte auch die Begründung der Orchesterleitung geklungen, kurz bevor Jasmin mit Bedauern entlassen worden war.
Jasmin war damals in ein tiefes Loch gefallen, und in diesem Loch befand sie sich auch jetzt noch. Ein Leben ohne Musik konnte sie sich nicht vorstellen, aber auf eine Anstellung in diesem Bereich zu hoffen war illusorisch. Die Konkurrenz schlief nicht, und niemand würde eine Pianistin engagieren, die nicht voll einsatzfähig war.
»Bewirb dich doch als Klavierlehrerin«, hatte ihre Schwester Sabine vorgeschlagen, aber das war nicht dasselbe.
Jasmin liebte es, auf der Bühne zu sein und für ein Publikum zu spielen. Gewiss, es hatte auch seine Vorzüge, Schüler zu unterrichten. Aber die Arbeit würde Jasmin immer schmerzlich an das erinnern, was sie verloren hatte.
Jasmin war einmal zur örtlichen Musikschule gegangen, um sich vorzustellen und ihre Chancen auf einen Job einzuschätzen. Dort hatte man sie nur vertröstet und behauptet, dass derzeit keine Stellen offen seien. Ob das stimmte oder ob es an ihrem Finger lag, konnte sie nicht sagen.
Fakt war, dass ihr das Spielen alles andere als leichtfiel. Es fehlten nur wenige Millimeter, um die Taste sicher anzuschlagen, doch auch wenige Millimeter konnten unglaublich viel sein.
An diesem Morgen studierte Jasmin die Stellenanzeigen im