II.
GRÖSSE
Rationales und Irrationales
Bei dem Versuch, eine Antwort auf die schwierige Frage nach »historischer Größe« zu finden, sollte man sich auch heute noch an den im Kern wohl unüberholten Reflexionen orientieren, die Jacob Burckhardt, der große Schweizer Historiker, hierzu in seinenWeltgeschichtlichen Betrachtungen angestellt hat.1 Für Burckhardt gehörte zur historischen Größe an erster Stelle die »Einzigartigkeit, Unersetzlichkeit« des großen Individuums. Er schreibt: »Der große Mann ist ein solcher, ohne welchen die Welt uns unvollständig schiene, weil bestimmte große Leistungen nur durch ihn innerhalb seiner Zeit und Umgebung möglich waren und sonst undenkbar sind; er ist wesentlich verflochten in den großen Hauptstrom der Ursachen und Wirkungen.«2 Geht man davon aus, dass – was heute gelegentlich bestritten wird – Ursachen und Wirkungen im historischen Geschehen dingfest zu machen sind, dann wird man Bismarcks Wirkmächtigkeit tatsächlich als »groß« bezeichnen können; das belegen bereits die von ihm bewirkten politischen Veränderungen am Bundestag in den 1850er-Jahren, das zeigen der Verlauf und Ausgang des Verfassungskonflikts, der Frankfurter Fürstentag und vieles andere mehr. Nicht nurdass Bismarck seine Vorstellungen durchsetzte, sondern auchwie er es tat, belegt seine Größe, wie immer man auch seine Handlungen einschätzen mag.
An anderer Stelle bemerkt Burckhardt mit einer berühmten, häufig zitierten Formulierung: »Die Geschichte liebt es bisweilen, sich auf einmal in einem Menschen zu verdichten, welchem hierauf die Welt gehorcht.«3 Das ist natürlich stark zugespitzt formuliert, denn »die Welt« hat niemals einem einzigen Menschen »gehorcht«; man kann, im Gegenteil, sagen, dass gerade den scheinbar oder auch wirklich großen historischen Persönlichkeiten zu allen Zeiten heftiger Widerstand entgegengetreten ist und dass sich ihre Größe nicht zuletzt darin zeigt, eben diese Widerstände gebrochen zu haben (und sei es auch nur für einen bestimmten Zeitraum, wie etwa Cäsar oder Napoleon Bonaparte). Den Zeitgenossen Bismarcks und auch vielen Nachgeborenen erscheint es tatsächlich so, als ob wenigstens die deutsche Geschichte in den Jahren 1864 bis 1871 und seitdem auch die Geschichte Europas bis 1890 sich im Wesentlichen in seiner Person »verdichtet« hätten.
Warum aber ist das so? Hängt es vielleicht nicht nur mit einer besonderen Gunst der Zeit, sondern auch mit bestimmten Fähigkeiten einer solchen »großen« historischen Persönlichkeit zusammen? Burckhardt war in der Tat dieser Ansicht: »Das große Individuum übersieht und durchdringt jedes Verhältnis, im Detail wie im Ganzen, nach Ursachen und Wirkungen. Das ist eine ganz unvermeidliche Funktion seines Kopfes. … Völlig klar schaut es zwei Hauptsachen: es sieht zunächst überall die wirkliche Lage der Dinge und der möglichen Machtmittel und läßt sich durch keinen bloßen Schein blenden und durch keinenLärm des Augenblicks betäuben. Von allem Anfang an weiß es, welches die Grundlagen seiner künftigen Macht sein können. Gegenüber Parlamenten, Senaten, Versammlungen, Presse, öffentlicher Meinung weiß es jederzeit, wieweit sie wirkliche Mächte oder bloß Scheinmächte sind, die es dann einfach benützt.«4
Darin klingt an, dass ein bedeutender Mensch, dem das Attribut historischer »Größe« zukommt, vor allem übereines verfügen muss: Illusionslosigkeit, Sachlichkeit, Nüchternheit, Realitätssinn. Er darf sich niemals durch den äußeren Schein blenden lassen, sondern er benutzt ihn, um im gegebenen Fall die anderen zu blenden, die sich durch den Lärm des Augenblicks betäuben lassen. Den Zustand des Geblendet-Werdens und des Betäubt-Seins