: Erich Schlossarek
: Auf Gnade und Ungnade Historischer Roman
: Neues Leben
: 9783355500210
: 1
: CHF 7.10
:
: Historische Romane und Erzählungen
: German
: 330
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Badische Revolution 1849: Das deutsche Volk kämpft um die Durchsetzung seiner von der Frankfurter Nationalversammlung beschlossenen Grundrechte. Auch der ehrgeizige Oberstleutnant Corvin ist für die demokratischen Ideale entbrannt. Als die Festung Rastatt von preußischen Truppen eingeschlossen wird, übernimmt er mutig die militärische Führung der Verteidiger. Abgeschnitten von der Außenwelt warten die Revolutionäre auf Unterstützung. Doch die beengte Situation zermürbt die Burgbevölkerung zusehends und es kommt zu unüberlegten Ausfällen. Corvins Loyalität wird auf eine harte Probe gestellt, als er in einem der Feinde seinen Jugendfreund Karl erkennt. Weder der ambitionierte Offizier noch seine bildschöne Geliebte Helene, die ihn im fernen Berlin sehnsüchtig erwartet, ahnen, in welch lebensbedrohlicher Gefahr der junge Leutnant schwebt. Ein spannender Historienroman über das Schicksal des Otto von Corvin und seinen Kampf für die Demokratie.

Erich Schlossarek wurde 1928 in Spremberg geboren und starb 2011 in Potsdam. Neben seiner Tätigkeit als Drehbuchautor für Fernsehen und Theater schrieb er Hörspiele und Romane. 1979 wurde Schlossarek mit dem Nationalpreis der DDR II. Klasse für Kunst und Literatur ausgezeichnet. In den 80er Jahren veröffentlichte er seine beiden Bücher 'Auf Gnade und Ungnade' und 'In Bedrängnis'.

Als Corvin mit seinem Burschen Herrmann an das Ottersdorfer Tor geritten kam, umringte ihn die Wache. Er reichte vom Pferd herab den Passierschein hin. Der wachhabende Offizier, Oberleutnant Frey, gab ihm den Zettel zurück.

»Bedaure, Herr Oberstleutnant, hier fehlt das Siegel. Wir haben Befehl, niemanden ohne ordnungsgemäßen Passierschein aus der Festung zu lassen.«

»Oberst Tiedemann hat ihn eigenhändig unterschrieben«, herrschte Corvin ihn an, »das genügt doch wohl.«

»Aber nicht unterstempelt«, erwiderte Frey in dienstlicher Haltung, »Befehl ist Befehl.«

Die Soldaten benahmen sich weniger korrekt, ließen Verdächtigungen laut werden, sprachen von Durchbrennen, Geldmitschleppen und Spionieren.

Corvin schlug verärgert mit der Reitpeitsche an seinen Stiefel. In der Hand zuckte es, sie diesem sturen Offizier und dessen Leuten von der Bürgerwehr um die Ohren zu hauen und sich gewaltsam einen Durchlaß zu verschaffen.

»Herr Oberstleutnant«, raunte Herrmann ihm zu, »ich glaube, es hat keinen Zweck. Sie verhaften uns sonst noch.«

Herrmann hatte recht, und auch die Wache war im Recht, sosehr ihre Weigerung auch Verdruß bereitete. Das sah Corvin schließlich ein. Ein Befehl muß ohne Ausnahme befolgt werden. Außerdem hatten die Soldaten Grund genug, mißtrauisch zu sein, wie Frey zu ihrer Rechtfertigung erläuterte. Der vorige Kommandant von Rastatt, Hauptmann Greiner, hatte sich bei Nacht und Nebel mit einem selbstgeschriebenen Passierschein davongemacht, und der Kriegskassierer war mit der Stadtschatulle durchgebrannt.

Corvin bestand nicht weiter auf seinem Ansinnen. Er sagte knapp, er werde den fehlenden Stempel besorgen, und ritt mit Herrmann in die Stadt zurück.

Vor vierundzwanzig Stunden, am Nachmittag des 29. Juni 1849, hatte ihn die Niederlage der Revolutionsarmee an der Murg zusammen mit Tausenden Soldaten und Freischärlern, die in die sichere Bastion flohen, nach Rastatt geführt. Zur Dämmerung, wenn die Biwakfeuer des Feindes seine Stellungen markierten, wollte er sich wieder absetzen. Sein Instinkt und seine militärischen Kenntnisse sagten ihm, daß es besser sei, sich in freier Landschaft zu bewegen, als hinter Mauern eingeschlossen zu sein. So wollte er sich dem anderen Teil der Revolutionsarmee anschließen, der sich unter dem Kommando des Generals Sigel in den Schwarzwald zurückgezogen hatte. Es hieß, Ottersdorf, hinter dem Rastatter Oberwald gelegen, sei von den Preußen noch nicht besetzt.

Der Gouverneur und Kommandant der Festung, Oberst Tiedemann, hatte ihm während einer Truppeneinteilung auf dem Markplatz zu Rastatt rasch einen Passierschein mit Bleistift geschrieben. »Beeilen Sie sich, ehe die Preußen den Ring um Rastatt schließen«, hatte er gesagt, »und sorgen Sie dafür, daß Sigel uns bald raushaut.« Leider erwies sich, daß der Zettel nicht genügte.

Mittlerweile war die Abenddämmerung hereingebrochen.

Nur ein rotgelber Widerschein der Sonne erleuchtete noch den westlichen Himmel. Höchste Eile war geboten, wenn Corvin und sein Bursche die Stadt noch vor der Nacht verlassen wollten.

Auf der Suche nach dem Kommandanten irrten sie in den Straßen und Gassen umher, denn das Gouvernementsbüro war nicht besetzt, Tiedemann nicht aufzufinden.

Während Herrman