: Isabelle Winter
: Notärztin Andrea Bergen 1265 Liebst du mich nicht mehr?
: Verlagsgruppe Lübbe GmbH& Co. KG
: 9783732507542
: Notärztin Andrea Bergen
: 1
: CHF 1.80
:
: Erzählende Literatur
: German
: 64
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB

Die Uhr vom fernen Kirchturm schlägt elf, als Jana den Topf mit dem Chili con Carne von der Herdplatte zieht und die Lichter in der Wohnung löscht. Sechs lange Stunden hat sie auf ihren Mann gewartet, um endlich mal wieder einen gemütlichen Abend mit ihm zu verbringen. Doch auch diesmal hat Karsten sie versetzt und die Arbeit in der Firma ihr vorgezogen! Erst als Jana im Bett liegt, gestattet sie sich zu weinen, denn die Wahrheit, die nun glasklar vor ihr liegt, tut weh: Ihre Ehe, die so hoffnungsvoll begann, ist gescheitert! All ihre Träume von einem erfüllten Leben mit Karsten, von Kinderlachen und Sonnenschein werden sich nicht erfüllen ...

Als Jana nach Jahren des Schweigens wieder Kontakt zu ihrer alten Schulfreundin Andrea Bergen aufnimmt, ist die Notärztin beim Anblick der entmutigten Jana schockiert. Doch auch sie kann nicht glauben, dass Janas Glück mit Karsten zerbrochen ist. Deshalb beschließt sie, noch einmal für die Freundin Schicksal zu spielen ...

Jana Hofmann rührte langsam und bedächtig im Chili con Carne, das im großen Kochtopf dampfend vor sich hin blubberte. Es sah köstlich aus, und die Küche war erfüllt von einem würzigen, herzhaften Duft, doch Jana war mit ihren Gedanken ganz woanders.

Unzählige Male hatte sie dieses Gericht schon für Karsten zubereitet – anfangs immer mit viel Liebe, doch nun tat sie es geistesabwesend und fast mechanisch. Es war das Lieblingsessen ihres Mannes, aber sie bezweifelte, dass ihm überhaupt auffallen würde, dass sie es extra für ihn gekocht hatte. Schließlich sah er sie schon lange gar nicht mehr richtig an – und ebenso wenig beachtete er die Dinge, die sie für ihn tat.

Sie seufzte tief und stützte sich mit einer Hand auf der Arbeitsplatte neben dem Herd ab, als bereitete es ihr plötzlich Mühe, aufrecht zu stehen. Wusste er es denn noch zu schätzen, wenn sie sich um ihn bemühte? Bestimmt nicht.

Es war ein schmerzhafter Gedanke, doch einer, der sich nicht abschütteln ließ und in letzter Zeit immer mehr an ihr nagte.

Wie hatte es nur so weit kommen können? Sie waren doch so verliebt ineinander gewesen. Damals, vor einer gefühlten Ewigkeit, hatte Jana noch gewusst, wie sich vollkommenes Glück anfühlte.

An die Vergangenheit zurückzudenken war ein bittersüßes Vergnügen, das sie sich nur selten gestattete, weil es sie zunehmend deprimierte. Nun aber ließ sie die Gedanken schweifen, zurück zu glücklicheren Tagen.

Karsten und sie kannten einander schon lange, seit ihrer gemeinsamen Schulzeit. Immer schon hatte sie ihn heimlich angehimmelt – er war einer der beliebtesten Jungen der Schulstufe gewesen, sportlich und gut aussehend. Meist war er von einer großen Gruppe von Freunden umgeben gewesen.

Besonders gut gefallen hatte er ihr aber in jenen Momenten, in denen er in einer Unterrichtspause allein und konzentriert in einem Buch oder einer Zeitschrift geblättert hatte, geistesabwesend Musik gehört hatte oder Skizzen in seinen Notizblock gekritzelt hatte. Immer, wenn er sich unbeobachtet gefühlt hatte, hatte sein Gesicht diesen selbstvergessenen Ausdruck angenommen, den sie so sehr an ihm liebte.

Irgendwann hatte sie einfach all ihren Mut zusammengenommen, war zu ihm gegangen und hatte sich zu ihm gesetzt. Von da an hatten sie die Schulpausen miteinander verbracht.

Für Jana hatte schnell festgestanden, dass Karsten der Mann war, dem ihr Herz gehörte. Sie war lange Zeit der Meinung gewesen, für ihn wäre es nichts weiter als eine bloße Freundschaft. Doch eines Tages, als sie gemeinsam von der Schule nach Hause gegangen waren, um zusammen fürs Abi zu lernen, hatte er plötzlich ihre Hand genommen, ihr tief in die Augen gesehen und sie geküsst.

Es war ein kurzer, zarter, unschuldiger Kuss gewesen, doch er hatte ihr Leben verändert. So lange hatte sie davon geträumt, seine feste Freundin zu sein – nun war ihr Traum wahr geworden.

Sie waren da