Kapitel 2
Mai 2011
Andrew Stilman ist Journalist derNew York Times. Mit dreiundzwanzig Jahren als freier Reporter eingetreten, ist er die Karriereleiter schnell hinaufgeklettert. Einen Presseausweis von einer der angesehensten Tageszeitungen der Welt zu bekommen, war sein Jugendtraum gewesen. Jeden Morgen, bevor er durch die Doppeltüren der Hausnummer 860, 8th Avenue tritt, gönnt sich Andrew die kleine Freude, den Kopf zu heben. Er wirft einen Blick auf die Aufschrift an der Fassade und sagt sich, dass hier sein Büro ist, in diesem allerheiligsten Pressetempel, in den Tausende Schreiberlinge wenigstens einmal gern den Fuß setzen würden, um die Örtlichkeiten zu besichtigen.
Vier Jahre hatte Andrew im Archiv verbracht, bevor er den Posten des Redaktionsassistenten für die Nachrufe in der Rubrik »Familienanzeigen« ergatterte. Seine Vorgängerin war beim Verlassen ihres Arbeitsplatzes unter die Räder eines Busses geraten und fand sich in der Rubrik wieder, die sie zuvor betreut hatte. Sie hatte es zu eilig gehabt, nach Hause zu kommen, um einenUPS-Zusteller zu empfangen, der ihr edle, übers Internet bestellte Dessous liefern sollte. Wie das Leben so spielt!
Es folgten für Andrew Stilman fünf weitere Jahre emsiger Arbeit in größter Anonymität. Nachrufe werden nie namentlich gekennzeichnet, denn dies ist allein der Ehrentag des Verstorbenen. Fünf Jahre, um über Menschen zu schreiben, die nur noch gute oder schlechte Erinnerung sind. Tausendachthundertfünfundzwanzig Tage und kaum weniger als sechstausend Martini Dry, Abend für Abend zwischen halb acht und Viertel nach acht an der Bar desMarriott in der 40th Street.
Drei Oliven pro Glas, und mit jedem Kern, den Andrew in ein Schälchen spuckte, vertrieb er aus seinem Gedächtnis die Chronik eines ausgelöschten Lebens, dessen Ablauf er am selben Tag kurz und prägnant verfasst hatte. Diese Nähe zu den Toten hatte Andrew vielleicht dazu getrieben, etwas zu tief ins Glas zu schauen. In seinem vierten Jahr in der »Nekro« hatte der Barkeeper desMarriott sechsmal tätig werden müssen, um den Durst seines Gastes zu löschen. Häufig kam Andrew mit aschfahlem Gesicht, schweren Augenlidern, offenem Hemdkragen und zerknittertem Sakko ins Büro. Allerdings waren auch Anzug mit Krawatte und gestärktes Hemd im Großraumbüro der Zeitung nicht vorgeschrieben, und noch weniger dort, wo er arbeitete.
Ob es an seinem eleganten und präzisen Schreibstil lag oder eine Folge des besonders heißen Sommers war, die Rubrik, für die er zuständig war, erstreckte sich bald über zwei volle Seiten. Bei der Erstellung der vierteljährlichen Bilanz bemerkte ein statistikverliebter Analytiker der Finanzabteilung, dass die Rechnungsbeträge pro Verstorbenem steil in die Höhe schnellten. Die trauernden Familien gönnten sich mehr Zeilen, um zu bezeugen, wie groß ihr Schmerz war. Gute Zahlen machen in einer großen Firma rasch die Runde. In der Vorstandssitzung, die zu Herbstbeginn tagte, waren diese guten Ergebnisse Thema, und es wurde beschlossen, den fortan hoch angesehenen Autor entsprechend zu befördern. Andrew Stilman wurde zum Redakteur ernannt – weiter im Bereich »Familienanzeigen«, jetzt allerdings in der Sparte »Hochzeiten«, deren Ergebnisse miserabel waren.
Da es Andrew nie an Ideen fehlte, gab er