: James Rollins, Rebecca Cantrell
: Das Blut des Verräters Thriller
: Blanvalet
: 9783641158606
: Erin Granger
: 1
: CHF 8.00
:
: Spannung
: German
: 608
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Das jüngste Gericht hat die Mauern des Vatikans erreicht ...
Nach einem skrupellosen Anschlag in Kalifornien sucht die Archäologin Erin Granger hinter den Mauern des Vatikans Schutz bei der Bruderschaft der Christuskrieger. Dort erfährt sie von der Entführung eines kleinen Jungen. Ein Priester will ihn für seine finsteren Machenschaften benutzen, und laut einer Prophezeiung kann nur Erin das Kind und auch die Welt vor der drohenden Apokalypse retten. Da tritt eine weitere Partei aus dem Schatten, und die Bruderschaft der Christuskrieger steht ihrer größten Herausforderung gegenüber.

Schon im Alter von sieben Jahren träumte Rebecca Cantrell davon, eines Tages Autorin zu werden. Diesen Traum verwirklichte sie mit ihrem Debütroman 'A Trace of Smoke', für den sie vielfach ausgezeichnet wurde, u.a. mit dem Bruce Alexander Award und dem Macavity Award. Rebecca Cantrell spricht fließend Deutsch und verließ vor Kurzem mit ihrem Mann und ihrem Sohn die sonnigen Küsten Hawaiis, um in Berlin zu leben.

Mittsommer 1099
Jerusalem

ALS DIE SCHREIE der Sterbenden zur Wüstensonne aufstiegen, schloss Bernard seine knochenweißen Finger um den Kreuzanhänger seiner Halskette. Das geweihte Silber versengte seine schwielige Hand, brannte sich in sein verfluchtes Fleisch. Er achtete nicht auf den Gestank verschmorter Haut und verstärkte den Druck. Er nahm den Schmerz hin.

Denn der Schmerz hatte einen Zweck– Gott zu dienen.

Ringsumher strömten die Soldaten und Ritter auf einer Woge von Blut in die Stadt Jerusalem. In den vergangenen Monaten hatten sich die Kreuzfahrer durch das feindliche Land hindurchgekämpft. Neun von zehn Männern starben, bevor sie die Heilige Stadt erreichten; sie fielen im Kampf, erlagen der gnadenlosen Wüste und heidnischen Krankheiten. DieÜberlebenden weinten, als sie Jerusalem erblickten. Doch das viele Blut war nicht umsonst vergossen worden, denn jetzt würden die Christen die Stadt wieder aufbauen, ein bitterer Sieg, den Tausende Ungläubige mit dem Leben bezahlt hatten.

Bernard sprach halblaut ein Gebet für die Gefallenen.

Mehr Zeit blieb ihm nicht.

Als er an den Wagen herantrat, zog er sich die raue Kapuze seines Umhangs in die Stirn, verbarg sein weißes Haar und sein bleiches Gesicht in tiefem Schatten. Dann packte er das Zaumzeug des Wallachs und streichelte den warmen Hals des Tiers, vernahm dessen donnernden Herzschlag und spürte ihn bis in die Fingerspitzen. Das Pferd war aufgeregt, seine Flanken dampften.

Er zog am Halfter, und das Ross bewegte sich vor, zog den Holzwagenüber das blutgetränkte Pflaster. Auf der Ladefläche stand ein Eisenkäfig, groß genug für einen Menschen. Der Käfig war in dickes Leder eingepackt, sodass man nicht hineinsehen konnte. Bernard aber wusste, was darin war. Das Pferd wusste es auch. Es legte angstvoll die Ohren an und schüttelte seine wirre schwarze Mähne.

Bernards dunkle Ordensbrüder– die Ritter des Sanguinarierordens– bahnten ihm den Weg. Ihr Leben zählte nicht angesichts der Bedeutung der Mission. Sie kämpften so kraftvoll und entschlossen, wie kein Mensch es vermocht hätte. Einer seiner Brüder, in jeder Hand ein Schwert, katapultierte sich hoch in die Luft. Die nur schemenhaft erkennbaren Klingen und seine aufblitzenden scharfen Zähne verrieten, dass er kein Mensch war. Einst waren sie alle gottlose Tiere gewesen wie jenes im Käfig, seelenlos und verflucht– bis ihnen Christus den Weg zum Heil aufgezeigt hatte. Sie alle hatten sich verpflichtet, ihren Durst nicht mehr mit Menschenblut zu stillen, sondern allein mit dem geweihten Blut Christi, ein Segen, der es ihnen erlaubte, sich halb im Dunkel und halb im Licht zu bewegen, ein Balanceakt zwischen Gnade und Verdammnis.

Der Kirche verpflichtet, dienten sie Gott nun als Krieger und als Priester.

Der Dienst an der Kirche hatte Bernard und die anderen vor die Tore Jerusalems geführt.

Der Wagen rollte unbeirrt durch das Geschrei und das Gemetzel. Von jäher Furcht erfasst, zwang Bernard das Pferd, schneller zu gehen.

Ich muss mich beeilen…

Doch ihn quälte noch ein anderes Bedürfnis. Blut tropfte von den Wänden, an denen er vorbeikam, rannüber das Pflaster. Der salzige Eisengeruch machte ihn benommen, schwängerte die Luft, löste einen nagenden Hunger aus. Er leckte sich die trockenen Lippen, als schmecke er das, was ihm verboten war.

Er war nicht der Einzige, der litt.

Das Tier im Käfig heulte, denn es witterte das Blut. Seine Schreie sprachen das Monster an, das auch Bernard in sich trug– bloß war dieses Monster nicht hinter Eisenstäben eingesperrt, sondern durch Eid und Segen gebunden. Trotzdem verlängerte und schärfte die Gier Bernards Zähne, und sein Verlangen war kaum mehr bezähmbar.

Als sie die Schreie hörten, drängten seine Ordensbrüder mit frischem Elan voran, so als flüchteten sie vor ihrem früheren Selbst.

Vom Pferd konnte man das nicht sagen.

Als das Untier aufheulte, erstarrte der Wallach.

Das konnte man ihm nicht verdenken.

Bernard hatte das eingesperrte Monster vor zehn Monaten in einem verlassenen Stall am Stadtrand von Avignon gefangen. Im Lauf der Jahrhunderte hatte man diesen verfluchten Wesen die verschiedensten Namen gegeben. Früher einmal Menschen, waren sie nun eine Plage, suchten finstere Orte heim und ernährten sich vom Blut der Menschen und Tiere