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SELBSTSTEUERUNG LERNEN
SOZIALE ERFAHRUNGEN FORMEN DAS GEHIRN
Junge Menschen bedürfen einer Umwelt, die es ihnen in einem hinreichenden Maße erlaubt, grundlegende Bedürfnisse und Wünsche zu befriedigen. Darüber hinaus muss diese Umwelt ihnen aber auch Freiheitsräume zur Verfügungstellen und sie anspornen, eine Zukunft zu entwerfen und für diese selbst etwas zu tun. Eine der Voraussetzungen für das Gelingen kreativer Selbstentfaltung ist die Fähigkeit zurSelbststeuerung. Die beiden neurobiologischen Fundamentalsysteme, die das Spielfeld der Selbststeuerung bilden, sind bei Kindern und Jugendlichen nicht in gleichem Maße ausgereift. Das Trieb- oder Basissystem34, welches Wünsche nach Wohlbefinden und Genuss sowie die Abneigung gegen Unlust und Schmerz zum Ausdruck bringt, ist dem Präfrontalen Cortex, der den Menschen zur Selbstkontrolle befähigt, in seiner Entwicklung voraus. Wer mit Kindern oder Jugendlichen zu tun hat, den überrascht das nicht. Das Basissystem ist durch genüssliche Angebote leicht verführbar, auf Frustration reagiert es mit Aggression. Es ist impulsiv und ungeduldig, verfällt aber, sobald es gesättigt ist, leicht in Bequemlichkeit und Apathie. Erst wenn der Präfrontale Cortex ausgereift und in funktionstüchtigem Zustand ist, kann er dasBasissystem top-down kontrollieren. Diese Kontrolle, Selbstkontrolle genannt, ist jedoch nureine seiner Aufgaben. Der Präfrontale Cortex kontrolliert nicht nur, er ist auch kreativ, er macht den Menschen sozial, er ermöglicht die Zusammenarbeit mit anderen underweitert damit die Möglichkeiten, dem Basissystem Gutes zu tun. Eine funktionierende Selbstkontrolle ist, längerfristig gesehen, also keineswegs gegen die vom Basissystem vertretenen Wünsche und Bedürfnisse gerichtet. Dass Kinder undJugendliche das zunächst anders empfinden, ist der Grund dafür, dass Erziehung nicht nur Freude macht, sondern auch anstrengend sein kann.
Obwohl Teil unserer evolutionären Bestimmung, ist die Fähigkeit zur Selbstkontrolle und damit auch zur Selbststeuerung35 nicht angeboren. Genetisch mitgegeben ist dem Menschen nur die Möglichkeit, sie zu erwerben. Die parallele Entwicklung der beiden Fundamentalsysteme und ihrer Beziehung zueinander entlang der ersten zwanzig Lebensjahreist ein faszinierender und zugleich äußerst sensibler Prozess. Dieser lässt sich sowohl aus psychologischer als auch aus neurobiologischer Perspektive betrachten. Beide Aspekte sind miteinander eng verschränkt. Die duale Sichtweise entspricht keiner modischen Attitüde – weil Neurobiologieinist –, sondern folgt einer zwingenden Notwendigkeit, denn die sozialen Erfahrungen, denen das kindliche Gehirn ausgesetzt ist, formen seine Strukturen und Funktionen. Diese beeinflussen sodann ihrerseits das kindliche Verhalten – samt seiner Selbstkontrollpotenziale. Bei kaum einer anderen Hirnregion ist die als Neuroplastizität bezeichnete Formbarkeit der Strukturen derart deutlich wie im Präfrontalen Cortex.Hier, im Stirnhirn, bilden sich die neuronalen Funktionen heraus, die wir für die Ausübung von Selbstkontrolle brauchen. Der Prozess der Entwicklung und Formung desPräfrontalen Cortex durch soziale Erfahrungen hat einen Namen: Erziehung. Die deutschen Begriffe der Bildung im Allgemeinen und der Ausbildung im Besonderen sind im englischen Wortfür Erziehung – »Education« – mitenthalten, in unserer Sprache wären die Begriffe Bildung und Ausbildung daher zur Erziehung noch hinzuzufügen, um die sozialen Voraussetzungen für die Reifung des Stirnhirns zu beschreiben.
WIR, DIE KINDER VON DUNEDIN
Im Jahre 1869 war Deutschland ein Flickenteppich von kleinen, von Fürsten- und Königshäusern regierten Feudalstaaten. Einfache Leute, und Frauen zumal, hatten keinen Hochschulzugang. Als in diesem Jahre in Dunedin, in einer heute etwa 120 000 Einwohner zählenden Stadt in Neuseeland, die erste neuseeländische Universität gegründet wurde, war sie im gesamten damaligen Britischen Empire die erste