In meinem Alter wäre es töricht, mir einzureden, dass die besteZeit meines Lebens noch vor mir liegt. Man mag darüberstreiten, ob ich schon durchs Ziel bin oder kurz davor,aber ich habe nicht die Absicht, mich an dieser Diskussionzu beteiligen, solange ich selber noch nicht weiß, wo ichhinwill. Was ich dagegen genau weiß, ist, woher ichkomme.
Hätte ich die Wahl gehabt, wäre ich gern zur Hochblüteder Romantik oder im Zeitfenster des Sturm und Drang unterwegsgewesen. Mit dem romantischen Dichter Joseph von Eichendorff verbindet michnicht nurAus dem Leben eines Taugenichts– eine Biografie, der ich schon früh zufolgen beabsichtigte –, sondern auch eine gewisse schlesische Noblesse.
Die Blaublütigkeitmeiner Mutter verliert sich zwar im Nebel diverser »Rittergietl«, also:Rittergüter, von denen bei uns in jeder zweiten Flüchtlingsgeschichte gefaseltwurde, aber ansonsten ist die Herkunft meiner Eltern unstrittig. MeinVater kam aus dem niederschlesischen Örtchen Kaulwitz und kaufte mirspäter einen riesigen Atlas nur deswegen, weil er diesen Fleckendarin gefunden hatte. Meine Mutter stammte aus dem oberschlesischen Oppeln,genauer gesagt aus Groschowitz. Ich verstand mich also nicht nurals Schlesier, sondern ich verstand auch Schlesisch. Der Schemel warbei uns zu Hause eine »Ritsche« und die Pfütze eine»Lusche«, ich sollte weder »rumgameln« (trödeln) noch auf dem Eis»kascheln« (rutschen). Es gab manchmal Buttermilchsuppe, die »Polifka« hieß, undein Weihnachten ohne »Mohnkliese« (Mohnklöße) war sowieso undenkbar.
Der Oberschlesier neigtzum Maulheldentum, was dafür spricht, dass man gewisse genetische Konditionierungenbei mir nicht außer Acht lassen darf. Meine Großmutter solldie jüdischen Weinhändler, die das Restaurant ihrer Eltern, die »VillaNova«, belieferten, und die polnischen Zugschaffner, denen sie auf demWeg zur Schule begegnete, treffsicher imitiert haben. Hildegard, die Schwestermeiner Mutter, trat schon im zarten Alter von zwölf Jahrenals Nachwuchspianistin im Rundfunk auf. Mein Vater hingegen trat nirgendwoauf; er fiel auch nie auf, auch dann nicht, alser als »Extranier« mit zäher Selbstdisziplin das Abitur nachholte, dasihm als Bauernsohn auf normalem Wege verwehrt geblieben war. Vonihm habe ich nur die Nase geerbt. Das flusige Haupthaar und die große Klappekamen von Mutti, der man bereits in einem frühen Schulzeugnisbescheinigte: »Rutila neigt zum Widerspruch.«
Völlig mittellos hatten sich meine Eltern1945 im Auffanglager Hof wiedergefunden – 30 Kilometer von Kulmbach entfernt. Sie hatten mitten im Krieg in Karlsbad geheiratet undsich danach in den Kriegswirren aus den Augen verloren. Warumsie gerade in Oberfranken gelandet waren, wusste bei meiner Ankunftniemand mehr, aber ich hatte auch nie Anlass, diese Wahlzu beklagen. Meine Eltern hatten das ebenso wenig, denn diewackeren Kulmbacher, die auf Nachnamen wie Murrmann oder Dörnhöfer hörten,mussten sich damit abfinden, dass nach Kriegsende die Tr