: Tanja Busse
: Die Wegwerfkuh Wie unsere Landwirtschaft Tiere verheizt, Bauern ruiniert, Ressourcen verschwendet und was wir dagegen tun können.
: Karl Blessing Verlag
: 9783641156411
: 1
: CHF 4.50
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: Gesellschaft
: German
: 288
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Sie nennen es Effizienz – doch in Wahrheit ist es ein System gigantischer Verschwendung

Die deutsche Landwirtschaft produziert immer mehr Milch, Fleisch und Eier in immer kürzerer Zeit. Die Effizienz scheint ihr bestes Argument zu sein. Nur mit den Methoden der Agrarindustrie könne man neun Milliarden Menschen ernähren, behaupten deren Anhänger.

Doch diese Hochleistungslandwirtschaft ist eine Verschwendungs- und Vernichtungslandwirtschaft . Sie erzeugt Milchkühe, die – bei einer natürlichen Lebenserwartung von zwanzig Jahren – schon nach drei Jahren im Melkstand geschlachtet werden. Sie werden zu einer so hohen Milchproduktion getrieben, dass sie krank und unfruchtbar werden.

Gleichzeitig können die meisten Bauern nicht mehr autonom handeln, weil sie abhängig und hoch verschuldet sind. In der Geflügelmast verkaufen wenige große Konzerne Küken, Futter und Medikamente an die Landwirte und nehmen ihnen nach der Mast die schlachtreifen Hühner ab. Die Preise bestimmen die Unternehmen – die Stallkosten und das Risiko für die Aufzucht tragen die Bauern, die sich trotzdem der Logik der Industrie beugen.

In ihrem neuen Buch Die Wegwerfkuh belässt Tanja Busse es nicht bei der schonungslosen Kritik der Missstände und Abhängigkeiten, sondern zeigt auch Wege zu einer nachhaltigen Landwirtschaft auf.

Tanja Busse wurde 1970 geboren, studierte Journalistik und Philosophie in Dortmund, Bochum und Pisa. Sie promovierte 2000 mit einer Arbeit über die Massenmedien ("Weltuntergang als Erlebnis"). Sie schrieb wichtige Artikel über Verbraucherschutz und Landwirtschaft in der ZEIT, für das Greenpeace-Magazin und für utopia.de. Ihr Buch „Die Einkaufsrevolution“ (Blessing, 2006) wurde ein Longseller. Auch"Die Ernährungsdiktatur" (Blessing 2010) erlangte hohe Resonanz. 2015 erschien bei Blessing ihr viel diskutiertes Buch"Die Wegwerfkuh". 2009 erhielt sie die Reiner Reineccius-Medaille für Querdenker und Pioniere der Stadt Steinheim, 2017 den Salus-Medienpreis und 2018 den Wertewandel-Preis des Deutschen Tierschutzbundes.

Kapitel 2

Die Wegwerfkuh

Kälber profitieren nicht von der modernen, spezialisierten Landwirtschaft, zumindest nicht die Söhne der Milchkühe, das ist offensichtlich. Doch – so haben es mir Landwirte, Tierärzte und Berater erklärt – in der Milchproduktion geht es ja eben nicht um die Kälber, sondern um die Kühe. Das kurze, kranke Leben der Mastkälber ist nichts als ein Kollateralschaden der modernen Milchproduktion. Die Kühe sind das eigentliche Gut, mit dem der Milchbauer sein Geld verdient.

Zuchtverbände und Landwirte haben in den letzten hundert Jahren aus Gras und Heu fressenden Weiderindern kraftfutterverwertende Hochleistungskühe gezüchtet, von denen jede einzelne mehr Milch gibt als ihre vier Urgroßmütter zusammen. Das Zuchtziel heißt: höhere Effizienz durch mehr Leistung. Und wenn heute eine einzige Kuh dasleisten kann, wozu man früher vier oder fünf oder sechs brauchte, lässt das auf eine unglaubliche Effizienzsteigerung schließen. Aber stimmt das? Geht die Rechnung auf: Je mehrMilch pro Kuh, desto effizienter die Produktion? Höhere Milchleistung gleich höhere Effizienz gleich höherer Ertrag für den Landwirt?

Das FachmagazinNeue Landwirtschaft hat dieser Frage2012 ein Sonderheft gewidmet, das den Schluss nahelegt, dass der Landwirt die Rechnung ohne die Kuh gemacht hat. Dass der Preis für die Effizienz die Effizienz ist. »Noch vor wenigen Jahren hatte ein Fachtreffen unter Milchviehhaltern etwas von einem Olympischen Wettbewerb: Schneller –höher – mehr!«, schreibt Sabine Leopold, die Redakteurin des Fachmagazins, im Editorial.33»Was zählte, war die Laktationsleistung. Und wer beeindrucken wollte, übertrumpfte die Kollegen um noch hundert Liter Milch oder noch zehn Fett-Eiweiß-Kilogramm.« Im Jahr zuvor, 2011, hatte eine deutsche Milchkuh, »GHH Luisa«, aus der Hochleistungszucht der schwarzbunten Holsteins die magische 20 000-Kilo-Grenze gebrochen: 21 168 Liter Milch in den 305 Tagen nach ihrem sechsten Kalb. Würde man diese Superkuh mit der Hand melken, müsste man Tag für Tag sieben volle Eimer vom Melkstand wegschleppen. Welch immense Stoffwechselleistung hinter dieser Milchmenge steckt, kann man erst ermessen, wenn man sich vor Augen hält, dass 500 Liter Blut durch das Euter strömen, um einen einzigen Liter Milch zu erzeugen. Das Herz der KuhLuisa hat also während ihres Milchrekordjahres täglich 35 000 Liter Blut allein durch das Euter gepumpt (und noch mehr durch die Leber).

Die beste Herde 2011 brachte mehr als 13 000 Kilo im Durchschnitt pro Kuh und Jahr. Die Fachzeitschrift für MilcherzeugerElite schwärmte von »absolut beeindruckenden Tier- und Herdenleistungen«, die andeuteten, »welches enorme genetische Leistungsvermögen bereits in vielen Ställen vorhanden ist«.34 Das klingt, als erwarte man weitere Mengensteigerungen und als halte man die Möglichkeiten der genetischen Verbesserung für unerschöpflich. Berichte über die besten Kühe erinnern tatsächlich an olympischeWettbewerbe: 100 Meter in 9,58 Sekunden, und es geht noch schneller! 21 168 Liter, und es geht noch mehr! Doch um welchen Preis?

»Inzwischen aber mache sich die Erkenntnis breit, dass eine Rekordhatz ziemlich teuer werden könne«, schreibt die Redakteurin weiter. »Denn unterm Strich zählt nur die Differenz zwischen den Erlösen aus den biologischen Leistungen einer Kuh – Kalb, Milch und irgendwann der eigene Schlachtkörper – und den Kosten, die sie in ihrem Leben verursacht hat. In unproduktiven Zeiten, also vor allem in der Aufzucht, aber auch während krankheitsbedingter Leerphasen, entstehen nur Kosten. Logisch, dass jeder Milchviehhalter bemüht sein wird, diese Abschnitte möglichstkurz zu halten.« Logisch wäre es ebenfalls, wenn jeder Milchviehhalter bemüht wäre, seine Kühe möglichst lange zu nutzen. Doch genau das ist nicht der Fall.

Die Wegwerfregel der modernen Milchwirtschaft lautet: Nach durchschnittlich drei Jahren im Melkstand werden Milchkühe in Deutschland ausrangiert, also geschlachtet.35 Wenn die Kühe gerade mal fünf Jahre alt sind. Anfang der 2000er-Jahre war die Nutzungsdauer sogar noch geringer.In Schlipfs Handbuch der Landwirtschaftaus dem Jahr 1898, dem Klassiker der