: Agnes Ravatn
: Das Vogeltribunal Thriller
: btb Verlag
: 9783641159412
: 1
: CHF 2.70
:
: Krimis, Thriller, Spionage
: German
: 240
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Die Dozentin Allis hat für eine Affäre alles aufs Spiel gesetzt –und verloren. Nun will sie nur noch möglichst weit weg von ihrem alten Leben und antwortet auf die Anzeige von Sigurd Bagge, der für den Sommer jemanden sucht, der ihm in Haus und Garten hilft. Wider Erwarten trifft sie jedoch nicht auf einen pflegebedürftigen Greis, sondern auf einen seltsam verschlossenen Mittvierziger, der sofort klarstellt, dass sich ihr Kontakt nur auf das Nötigste zu beschränken hat. In dem einsamen Haus am Fjord sind beide aber aufeinander angewiesen und kommen sich zwangsläufig immer näher –– doch wer sich zu nahe kommt, kann nichts mehr vor dem anderen verbergen ...…

Agnes Ravatn wurde 1983 in Norwegen geboren. Sie ist eine preisgekrönte Journalistin, Essayistin und Autorin. Mit ihrem auch international erfolgreichen Roman"Das Vogeltribunal" kam sie 2018 auf die Longlist des Dublin Literary Award.

Draußen goss es in Strömen. Er stand vom Frühstückstisch auf und bedankte sich für das Essen. Ich wischte mit einem Lappen über die Tischplatte.

»Entschuldigung?«, sagte ich. Er hielt auf dem Weg in sein Zimmer inne.

»Sie haben nicht zufällig ein Paar Stiefel zu verleihen?«

»Nein, habe ich leider nicht«, sagte er kurz.

»Ihre Frau hat keine, die ich mir leihen könnte?«

Er bekam einen seltsamen Gesichtsausdruck, bevor er den Kopf schüttelte.

»Sie können meine nehmen und dicke Socken darunterziehen.«

Er ging auf mich zu, strich auf dem Weg in die Diele an mir vorbei und kam mit seinen grünen, hohen Stiefeln zurück. Stellte sie vor mir auf den Boden. Ich dankte. Als er in sein Zimmer gegangen war, kam ich darauf, dass ich auch eine Regenjacke brauchte. Klopfte zögernd an. Er öffnete sofort.

»Es gibt hier nicht zufällig eine Regenjacke, die ich …«

»Leider.«

Dass sie nicht einmal eine Regenjacke hat, dachte ich. In diesem Klima. Sie existiert nicht.

»Welche Größen haben Sie?«, fragte er, als ich mich zum Gehen gewandt hatte.

»Was?«

»Sie sollen schließlich weiterhin im Garten arbeiten.«

Er wartete auf eine Antwort.

»Sie wissen ja, welches Wetter wir hier haben. Ich fahre in die Stadt und kaufe für Sie ein.«

War das nicht erstaunlich drastisch, fast aggressiv gesagt?, dachte ich. Er machte deutlich, dass er allen zukünftigen derartigen Fragen ein für alle Mal ein Ende setzen wollte. Dass er willens war, ein Exemplar von absolut allem zu kaufen, was ich auf dieser Welt brauchte, wenn es ihm nur Frieden bescheren würde.

»Bei Schuhen?«

»Bei Schuhen, Regenjacken, allem, was Ihnen einfällt, das Sie brauchen, um hier zu arbeiten.«

Mir fiel außer den beiden Dingen nichts mehr ein.

»Eine Hose«, stellte er fest.

Ich nickte.

Er verschwand wieder in seinem Zimmer und kam kurz darauf heraus, schlüpfte in seine Schuhe, zog sich eine Jacke an und ging aus der Tür, ohne ein Wort zu sagen. Zuerst traute ich mich nicht, irgendetwas Verbotenes zu tun, für den Fall, dass ich ihn missverstanden hätte, aber als er nicht zum Mittagessen auftauchte, begriff ich, dass die Luft rein war. Eineinhalb Stunden in die Stadt, eineinhalb Stunden nach Hause. Ich sah auf die Wanduhr und rechnete mir aus, dass er frühestens in einer Stunde zu Hause sein würde. Mein erster Impuls war, es mit der Schlafzimmertüre zu versuchen. Mein Herz pochte so stark, dass ich bei jedem Schlag die Trommelfelle vibrieren fühlte, ich drückte die Türklinke herunter, und die Tür glitt auf. Kreideweiß beim Gedanken, dass er kommen könnte, sprang ich schnell hinein – gemachtes Bett an der rechten Wand, Stuhl, Tür an der Wand gegenüber –, trippelte auf Zehenspitzen hinüber und drückte die Klinke, aber die Tür war verschlossen, ich grübelte mich krank darüber, was er dort drinnen wohl machte. Ich hör