Einführung
Der Kontinent, über den der Genuese Christoph Kolumbus und seine Zeitgenossen im ausgehenden15. und frühen16. Jahrhundert berichteten, war für die Europäer eine bislang unbekannte und deshalb »Neue Welt«. Tatsächlich verfügte die Bevölkerung Amerikas jedoch bereits über eine Jahrtausende zurückreichende eigene Geschichte. Mit seiner beträchtlichen Ausdehnung und seinen unterschiedlichen Vegetations- und Klimazonen hatte der amerikanische Kontinent den einwandernden Jägern und Sammlern mannigfaltige Lebensräume geboten, in denen sich bald eine große kulturelle Vielfalt entwickelte.
In die reiche und wechselvolle Geschichte der Gesellschaften Amerikas vom Beginn der menschlichen Besiedlung des Kontinents bis zur europäischen Expansion ab dem späten15. Jahrhundert einzuführen ist Ziel des vorliegenden Bandes. Anhand ausgewählter Beispiele aus Nord-, Mittel- und Südamerika werden zentrale Prozesse der kulturellen Entwicklung dargestellt. Da sich keine der Kulturen in Isolation entwickelte, wird in den einzelnen Kapiteln auch auf die Austauschprozesse zwischen Regionen eingegangen. Ein gewisses Ungleichgewicht in der Auswahl der Fallbeispiele und der Darstellung der Großräume ließ sich angesichts der Zahl und der zeitlichen Tiefe der kulturellen Erscheinungsformen, des unterschiedlichen Kenntnisstandes und der Quellenlage nicht vermeiden.
Da nur wenige Schriftzeugnisse aus der Zeit vor der Eroberung vorhanden sind, muss sich die Erforschung dieser Periode neben der Auswertung kolonialer Quellen wesentlich auf Erkenntnisse der Archäologie stützen. Ihre Deutungen sind zuweilen umstritten und müssen nicht selten revidiert werden, wenn neue Hinweise zutage treten. Daher kann eine Geschichtsrekonstruktion auf der Basis archäologischer Forschung nie vollständig sein. Weit eher handelt es sich bei der Beschreibung archäologisch erschlossener Kulturen um den Versuch, der historischen Realität möglichst nahe zu kommen. Die Kulturanthropologie Amerikas (Altamerikanistik) bemüht sich, den Beschränkungen der Quellen durch die Verwendung einer Vielzahl von Methoden und Ansätzen Rechnung zu tragen. In einem Überblicksband wie dem vorliegenden können nicht alle kontroversen Auffassungen und die damit verbundenen wissenschaftlichen Debatten dargestellt werden, doch wird, soweit möglich, auf unterschiedliche Interpretationen hingewiesen. Durch die Zuordnung der ausgewählten Kulturen zu unterschiedlichen Typen soziopolitischer Organisation können auch nicht zeitgleiche, aber ähnliche Entwicklungsverläufe einander gegenübergestellt werden. Damit wird beispielsweise vergleichbar, unter welchen Bedingungen Menschen bestimmte Lebensweisen wählten.
Einige der in diesem Band verwendeten Bezeichnungen für Zeitperioden, wie etwa Präklassik und Klassik, erinnern an die einseitige Sichtweise, dass es eine unilineare Entwicklung von niederen Kulturstufen zu höheren gäbe, der alle Gesellschaften früher oder später folgen würden. Dies suggeriert, manche Gesellschaften seien Vorreiter, andere Nachzügler im Entwicklungsprozess. Derartige überholte normative Auffassungen sind mit dem Gebrauch dieser fachlich weiterhin fest verankerten Begriffe nicht verbunden. Perioden, Phasen und Kulturtypen, wie etwa Häuptlingstum, Staat, Wildbeuter, Feldbauer, werden vielmehr deskriptiv und analytisch verwendet. Die naturräumliche Vielfalt Amerikas begünstigte die gleichzeitige Herausbildung verschiedener Lebensweisen. Tatsächlich stagnierte keine der als archaisch bezeichneten Jäger- und Sammlergruppen, bloß weil sie auf Anbau und Sesshaftigkeit verzichtete. Jagen und Sammeln stellten eine hochspezialisierte Anpassungsleistung an bestimmte Lebensräume dar.
Die Datierungen der in diesem Band erwähnten Ereignisse, Kulturperioden und -phasen ri