: Jean Ziegler
: Die Schweiz, das Gold und die Toten
: C.Bertelsmann Verlag
: 9783641141653
: 1
: CHF 2.70
:
: 20. Jahrhundert (bis 1945)
: German
Vor allem amerikanische Geheimdienstberichte offenbaren die Komplizenschaft der Schweizer Geldinstitute mit den Nazis und berichten von den Guthaben der Holocaust-Opfer in Schweizer Bankkellern.
Der Autor trägt mit seinem Aufsehen erregenden Bericht zur Entzauberung der angeblich so korrekten und Neutralen Eidgenossen bei.

Jean Ziegler, geboren 1934 im schweizerischen Thun, lehrte bis zu seiner 2002 erfolgten Emeritierung Soziologie an der Universität Genf und als ständiger Gastprofessor an der Sorbonne/Paris. Bis 1999 war Jean Ziegler Nationalrat im Parlament der Schweizer Eidgenossenschaft, von 2000 bis 2008 UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung und von 2009 bis 2019 Vizepräsident des Beratenden Ausschusses des UN-Menschenrechtsrats, als dessen Berater er heute noch tätig ist. Seine Publikationen wie »Die Schweiz wäscht weißer« (1992) und »Die Schweiz, das Gold und die Toten« (1998) haben erbitterte Kontroversen ausgelöst. Als Kritiker von Globalisierung und Raubtierkapitalismus ist er mit Bestsellern wie »Das Imperium der Schande« (2005), »Der Hass auf den Westen« (2007), »Wir lassen sie verhungern« (2012), »Ändere die Welt!« (2015) »Der schmale Grat der Hoffnung« (2017) und »Die Schande Europas« (2020) hervorgetreten.

I. Der helvetische Gedächtnisschwund


Eine strahlende Herbstsonne steht über dem Genfer See. Rot, gelb und orange glühen die Bäume. Der Himmel ist kristallklar. Die Gipfel der Savoyer Alpen am Südufer glitzern in der Sonne. Neuschnee ist in der Nacht zuvor auf das Vorgebirge des Mont-Blanc-Massivs gefallen. Ich sitze im Schnellzug Genf-Bern der Schweizerischen Bundesbahnen.

Der Zug rollt durch die Rebberge des Lavaux hoch über dem rechten Seeufer. Goldenes Licht spielt in den Reben. Es ist Montag, der 30. September 1996.

Das vergangene Wochenende habe ich mit der Vorbereitung meiner Parlamentsrede verbracht, zahllose Telefonanrufe besorgter Bürgerinnen und Bürger beantwortet und mit zwei Freunden aus einer Genfer Privatbank meine Dokumentation aufgearbeitet. Jetzt versuche ich meine Notizen zu ordnen, ständig abgelenkt von der schwelgerischen Pracht dieser Landschaft.

Auf dem Bundeshaus in Bern weht die große Schweizerfahne: weißes Kreuz auf rotem Feld. Das Parlament der Eidgenossenschaft tagt. Sitzungsbeginn: 14 Uhr 30. Angesagt ist die große Debatte betreffend »nachrichtenlose jüdische Konten« und Nazi-Gold in helvetischen Bankenkellern.

Kaum betrete ich die Wandelhalle, bemerke ich ungewohnte Nervosität. Kolleginnen und Kollegen stehen in Gruppen herum, tuscheln. Journalisten sprechen gereizt in ihr Handtelefon. Einige protestieren mit lauter Stimme. Andere schütteln bloß ungläubig den Kopf. Aufregung überall. Thomas Reimer, ARD-Korrespondent in der Schweiz, murmelt fassungslos: »Das darf doch nicht wahr sein!«

Herr Bigler, Bundesweibel in grüner Uniform mit goldener Kette, kommt auf mich zu. Wir mögen uns. Bigler ist verlegen: »Es tut mir leid, Sie können heute nicht reden. Es gibt keine Debatte.«

Ich traue meinen Ohren nicht: Über das Wochenende hat der Präsident, unterstützt vom Ratsbüro, beschlossen, eine allgemeine Parlamentsdebatte zu unterbinden. Reden dürfen allein Außenminister Flavio Cotti und je ein vorsortierter Sprecher einer jeden parlamentarischen Gruppe. Gewählte Volksvertreterinnen und Volksvertreter müssen schweigen. Ich stürme zur Präsidententribüne hinauf, protestiere heftig.

Jean-François Leuba, Jurist aus Lausanne und Parlamentspräsident, versteht meine Empörung nicht. Tiefes Erstaunen steht in seinem runden Gesicht. Mit vorwurfsvoller Stimme antwortet er mir: »Vous ne voudriez quand-même pas, que nous nous donnions en spectacle devant tous ces étrangers?« (»Sie wollen doch nicht, daß wir uns hier bloßstellen, vor all diesen Ausländern?«)

Tatsächlich. Da sitzen sie, die Feinde: internationale Journalisten.

Das Bundeshaus, ein Prachtbau aus der Zeit der Jahrhundertwende, beherbergt einen riesigen, holzgetäfelten Plenarsaal, der wie ein Amphitheater konstruiert ist: unten die Parlamentarier, Stimmenzähler, Dolmetscher, Sekretärinnen, die Weibel und die Regierung. Hoch darüber, rings herum abgesondert durch schützende Balustraden, die Tribünen für das Publikum, die Presse und die Diplomaten.

Auf den beiden Pressetribünen drängen sich die amerikanischen, englischen, französischen, deutschen Journalisten. Gleich gegenüber dem Fauteuil des Präsidenten, hoch oben auf der Zuschauertribüne, haben ausländische Fernsehgesellschaften Batterien von Kameras, Mikrophonen und Lichtständern aufgebaut.

Oben rechts im Saal, auf der Diplomatentribüne, sitzen, umgeben von ihren Mitarbeitern, der israelische Botschafter Gabriel Padon und Madeleine Kunin, Botschafterin der Vereinigten Staaten. Gebürtig aus einer jüdisc