Prolog
Eine bürgerliche Biographie im
Zeitalter der Extreme
Als am 9. Dezember 1950 die FDP-Spitze in der Villa Hammerschmidt mit dem Bundespräsidenten zu einem Essen zusammentraf, sollte dieser Abend in einem Eklat münden. Die Liberalen beschwerten sich bei Theodor Heuss, dass Konrad Adenauer eigenmächtig den Gewerkschafter Theodor Blank zum Sicherheitsbeauftragen der Bundesregierung ernannt habe, nicht hingegen den hochdekorierten Oberst der Wehrmacht Eberhard Wildermuth. Der Bundespräsident jedoch machte deutlich, dass er die Entscheidung begrüße und die Person Blank für eine ideale Besetzung halte, denn schließlich, so Heuss mit kaum überhörbarer Ironie weiter, ist es sehr entscheidend, die Arbeiterschaft zu gewinnen. Das kann Theo Blank eher als einmiles gloriosus. Provoziert von dieser Abwertung eines ehemaligen Wehrmachtsangehörigen fühlte sich der junge Bundestagsabgeordnete Erich Mende, selbst Weltkriegsoffizier, der sich an den weiteren Fortgang des Gesprächs erinnerte:
Mich ritt der Teufel, als ich bemerkte: Herr Bundespräsident, mit dem miles gloriosus treffen Sie nicht nur ihren Freund und Landsmann Wildermuth, sondern alle Soldaten dieses Krieges. Wir wären es vielleicht nicht geworden, wenn Sie und Ihresgleichen nicht dem Ermächtigungsgesetz Hitlers zugestimmt hätten! Damit hat es nämlich angefangen und zwischen Narvik, Stalingrad und El Alamein hat es für Millionen schrecklich geendet! Ich spürte an der Betroffenheit aller, daß ich zu weit gegangen war, und fügte noch hinzu: Ich bitte um Verzeihung, aber das war ich allen denen schuldig, die sich nicht mehr wehren können! Es herrschte einige Augenblicke eine beklemmende Stille. Theodor Heuss atmete tief durch und begann zur allgemeinen Überraschung ausführlich zu erklären, wie es am 23. März 1933 zu dem Ja der Demokraten in Berlin gekommen war. Dann schloß er: Sie können es nicht mehr wissen, weil Sie damals zu jung waren, ich mache Ihnen daraus keinen Vorwurf. Aber so leicht, wie es sich heute darstellt, war die Sache damals nicht. Ich wünsche Ihnen, daß Sie niemals so unter Druck und Drohungen abstimmen müssen, wie wir es damals mußten! Damit war das Thema beendet, der Abend allerdings auch.
Noch heute merkt man an der Reaktion von Heuss, wie ihm die Worte Mendes unter die Haut gingen. Mit dem Vorwurf, 1933 im Reichstag dem Ermächtigungsgesetz zugestimmt und damit das Parlament zugunsten der Regierung Hitler entmachtet zu haben, wurde Heuss nach 1945 immer wieder konfrontiert. Und noch kurz vor seinem Tod vertraute er 1963 einem Erinnerungsfragment an, dass er schon damals gewusst habe, daß ich dieses Ja nie mehr aus meiner Lebensgeschichte auslöschen könne. Hatte Heuss also damals unter dem Druck der nationalsozialistischen Machthaber entgegen seinen Überzeugungen gehandelt und einem Gesetz zugestimmt, mit dem die Gewaltenteilung in Deutschland infrage gestellt wurde?
Wie verträgt sich dieser biographische Makel mit der Selbsteinschätzung, die Heuss rückblickend seine