1. KAPITEL
Mein erster öffentlicher Auftritt fand am 13. September 1948 auf den Stufen zum Schwesternzimmer der St. Peter’s Preparatory School in Weston-super-Mare, Somerset, England, statt. Ich war achtfünfsechstel und mein Publikum ein Haufen Neunjähriger, die mir höhnisch »Chee-eese! Chee-eese!« zugrölten. Ich stieg die Treppen hoch, erniedrigt, verängstigt und vor allem fassungslos. Wie war es mir bloß gelungen, so viel Aufmerksamkeit zu erregen? Was hatte ich getan, um solche Aggressionen auszulösen? Und … wie in aller Welt konnten die wissen, dass mein Familienname eigentlich Cheese ist?
Während die Hausmutter »Fishy« Findlater an mir die übliche Musterung vornahm, die jeder neue Schüler über sich ergehen lassen musste, versuchte ich meine Gedanken zu ordnen. Meine Eltern hatten mir immer eingebläut, mich von »garstigen bösen Jungs« fernzuhalten. Was machten die dann an einer freundlichen Schule wie St. Peter’s? Und wie sollte ich mich hier von ihnen fernhalten?
Entscheidenden Anteil an meinem Dilemma hatte die Tatsache, dass ich nicht nur ein kleiner Junge, sondern ein sehr großer kleiner Junge war. Ich war ein Meter sechzig, und es wurdeerwartet, dass ich noch vor meinem zwölften Geburtstag die Einsachtzigermarke überspringen würde. Es fiel mir also einigermaßen schwer, mich in den Hintergrund zu verdrücken, wie ich es mir so oft wünschte – vor allem später, als ich schon größer war als jeder Lehrer. Da war es dann auch nicht besonders hilfreich, dass einer von ihnen, Mr. Bartlett, mich immer als einen »herausragenden Bürger« bezeichnete.
Hinzu kam, dass ich meiner überbordenden Größe wegen »über meine Kräfte hinausgewachsen« war und diese physische Schwäche für so unkoordinierte und ungeschickte Bewegungen sorgte, dass mich mein Sportlehrer Captain Lancaster ein paar Jahre später als »hundertachtzig Zentimeter durchgekauter Bindfaden« bezeichnete. Addiert man noch hinzu, dass ich über keinerlei Erfahrungen mit der wölfischen Natur von Knaben-Gangs verfügte, wird man sofort verstehen, weshalb meine Miene augenblicklich die Memme in mir verriet, als »Fishy« die Tür öffnete und mich zu meinem zweiten öffentlichen Auftritt hinausbugsierte.
»Keine Sorge«, sagte sie, »ist nur Gebell.« Welcher Trost sollte das wohl sein? Hätte man in Nürnberg auch sagen können. Aber wenigstens hatten sie zu skandieren aufgehört. Als ich mich die Treppe runterzwang, herrschte erwartungsvolle Stille. Dann …
»Bist du ein Roundhead oder Cavalier?«
»Was?«
Gesichter, die gespannt auf Antwort lauerten, drängten sichmir entgegen: »Roundhead oder Cavalier?« Wovon sprachen die?
Hätte ich die Frage so verstanden, wie sie gemeint war, wäre ich sehr wahrscheinlich in Ohnmacht gefallen, kleines zartes Pflänzchen, das ich war. (Vielleicht sollte ich an dieser Stelle den behutsamer aufgewachsenen Lesern erklären, dass ich hier nicht etwa aufgefordert worden war, meine wohlbedachten Ansichten über die jeweiligen Meriten der gegnerischen Parteien im englischen Bürgerkrieg 1642–49 kundzutun, sondern vielmehr offenzulegen, ob ich beschnitten war oder nicht.) Letztlich war mein erster Tag an der Prep School dann aber doch kein Totalausfall gewesen. Als ich abends nach Hause kam, hatte ich die tiefere Bedeutung zweier neuer Wörter gelernt –pathetic (mickrig) undwet (feucht hinter den Ohren/Heulsuse).Sissy (Schwuchtel, Weichei) musste ich allerdings in Dads Wörterbuch nachschlagen.
Warum war ich so … unbeholf