: Elizabeth Kelly
: Die offizielle Verabschiedung meiner langjährigen Kindheit
: Karl Blessing Verlag
: 9783641124441
: 1
: CHF 8.90
:
: Erzählende Literatur
: German
: 432
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Eine geistreiche und unverwechselbare Geschichte um einen Mord, eine Ehekrise und ein quälendes Familiengeheimnis

Riddle Camperdown freut sich darauf, den Sommer 1972 vornehmlich faulenzend auf der Veranda ihres Elternhauses auf Cape Cod zu verbringen, und hofft , dabei nicht allzu oft von ihren exzentrischen Eltern gestört zu werden: Greer, der exaltierten, scharfzüngigen ehemaligen Hollywoodschauspielerin, und Godfrey „Camp“ Camperdown, dem Patriarchen und gewerkschaftsnahen Lokalpolitiker mit Hang zur großen Geste, der gerade mitten im Wahlkampf steckt.

Dann wird Riddle im Pferdestall des Nachbarn zufällig zur Zeugin eines Mordes. Verängstigt entscheidet sie sich dafür, niemandem davon zu erzählen. Doch als Camps Wahlkampf immer hitziger wird und einer seiner politischen Gegner Gerüchte über die Camperdowns in die Welt setzt, gerät Riddle immer mehr unter Druck, die Wahrheit zu sagen, obwohl sie gleichzeitig die Rache des Mörders fürchtet.

Das Porträt einer unvergesslichen, so skurrilen wie liebenswerten Familie, das sich vor dem Hintergrund eines Verbrechens und eines Familiengeheimnisses entfaltet – unterhaltsam, intelligent und spannend.

Elizabeth Kelly wurde in Brantfort, Kanada, geboren und studierte an der University of Toronto Anglistik. Sie arbeitet als Redakteurin und wurde mehrfach mit dem Canadian National Magazine Award ausgezeichnet. IhrDebüt Die verrückten Flanagans erschien 2009 bei Blessing. Elizabeth Kelly lebt in einem Dorf in der Nähe von Ontario.

KAPITEL 1

Gestern Abend traf ich zufällig Harry.

Es war unvermeidlich. Ich wusste, dass es eines Tages passieren würde – genauso, wie ich diese quälende Ahnung habe, dass ich sterben werde. Irgendwann. Für mich kam Irgendwann gestern in Nonquitt, Massachusetts, bei einem Spendendinner der Demokraten auf dem Vierzig-Hektar-Anwesen eines Philantropen aus Neuengland namens Edgar Rutherford.

Trotzdem war es ein Schock.

Er hatte im Ausland gelebt. Hongkong. Rom. Dublin. Lhasa.Ich habe ihn nie aus den Augen verloren. Er war gerade aus dem Tapón-del-Darien-Dschungel zurückgekommen, wo er einenDokumentarfilm über seine Durchquerung des entlegenen Atrato-Sumpfes gedreht hatte, der so unwirtlich war, dass man nur mit einer Kettensäge des Dornengestrüpps Herr wurde, und in dem sich tollwütige Hunde vermehren wie perverse Reiseführer. Eshieß, er hätte irgendein glitzerndes Ding geheiratet, das er unterwegs aufgelesen hatte. Ihr Vater war der französische Botschafter in den USA. Harry hatte schon immer eine Vorliebe für Vollblüter.

Man kennt die Sorte. Edler Hals und lange Beine, glänzende Mähne, dokumentierte Abstammung und exotisches Temperament – nur ohne Appetit auf Heu. Jemand, der Élodie Héroux kannte, hat mir erzählt, dass sie an den klassischen Gebrechen eines Rennpferdes litt, geringe Fruchtbarkeit und kleines Herz. Eine unfreundliche Bemerkung – hätte von meiner Mutter seinkönnen. Trotzdem ging sie mir runter wie Öl, hielt allerdings nicht lange vor.

Ich habe nie geheiratet. Das geht in Ordnung. Ich bin jung und habe ja meine Hunde und meine Pferde. Ich habe mich ganz gut geschlagen, hatte sogar einigen Erfolg als Turnierreiterin. Wenn ich daran denke, dass Harry mich früher damit aufgezogen hat, was für ein gutes Paar wir abgeben würden. Als wäre mir einegute Partie vorherbestimmt, als wäre sie ein unumgänglicher Initiationsritus.

Harry hat mich immer mit irgendwas gepiesackt.

Bevor ich ihn sah, hörte ich ihn. Diese Stimme! Meine einzige Erfahrung mit Synästhesie. Er hörte sich an, wie ein Graham-Cracker schmeckt. Wir befanden uns an den entgegengesetztenSeiten des gewaltigen Wohnzimmers, das einer alten und verblassenden, ein bisschen verzweifelten Schönheit glich, einer dieser kosmetisch aufgestylten Räume, die aus der an Verunstaltung grenzenden Überdekoration eine Berufung machen.

Er kam um die Ecke und hielt kurz inne, um den Anblick auf sich wirken zu lassen. Wenn Harry den Wald inspizierte, so konzentrierte ich mich auf den Baum. Er knisterte warm und kraftvoll wie ein Lagerfeuer, flackernd in allen Farben des Herbstes – rostrotes Haar mit goldenen und bernsteinfarbenen Strähnen, die helle Haut rosig und verbrannt von Sonne und Wind. Schlank, aber kräftig und athletisch, sportlich wie ein Lacrosseschläger – die sanften blauen Augen subversiv glühend vor Intelligenz und Humor, als wäre er einem Ralph-Lauren-Werbeplakat entsprungen.

Mein Herz tanzte einen Quickstep. Mir war übel. Auf demTisch neben Harry stand ein riesiges Bouquet aus Gardenien und weißen Madonnenlilien, deren moschusartiger Geruch zusammen mit seinem unbefleckten Selbstvertrauen den Raum erfüllte. Ich umklammerte die Armlehne neben mir und holte tief Luft, sog diese herrliche Mischung aus Gewissheit und Blumenduft ein und wurde schlagartig zu dem Augenblick unserer ersten Begegnung zurückversetzt.

Es war 1972. Ich war dreizehn Jahre alt. Mein Vater Godfrey Camperdown k