Schon am nächsten Morgen waren Hanne und ich per Du. Clara verhielt sich im Umgang mit ihr und Sam vollkommen ungezwungen, wie ich erleichtert feststellte. Sie hatte Hanne am Abend ein wenig beäugt und war offenbar zu der Meinung gelangt, dass sie ebenso nett und vertrauenswürdig war wie Sam. Und sie stellte der fremden Frau völlig ungeniert Fragen zu ihrer Arbeit als Natural Horsewoman, als die sie in ganz Deutschland, Österreich, der Schweiz und England herumreiste und Seminare gab.
Nach dem Frühstück lernte Hanne Fellow kennen. Sie hielt offenbar ein wenig Zwiesprache mit ihm, denn seine Ohren spielten aufmerksam, während sie auf der Weide neben ihm stand. Cilli mochte Hanne offenbar besonders gern, denn sie lehnte ihre hellbraune Ponystirn mit dem hellen Schopf vertrauensvoll an Hannes Schulter und ließ sich von ihr den Mähnenkamm kraulen.
»Was für ein Glück sie gehabt hat!«, rief Hanne zu uns herüber, die wir am Zaun standen und ihnen zusahen. »Dass ihr sie mitgenommen habt. So ein altes Schätzchen; sie hat ihr Gnadenbrot redlich verdient.«
Claras Augen weiteten sich, und ich sah, dass sie widersprechen wollte, vielleicht von unserer Absprache mit Frau Schellinger berichten wollte, der gemäß Cilli zum Reiterhof zurückgebracht würde – entweder mit Fellow zusammen, wenn er rasch Fortschritte machte, oder schon vorher allein, sobald er sich ausreichend eingewöhnt hatte. Doch dann warf sie mir einen raschen Blick zu und schloss den Mund wieder. Ich konnte ahnen, was in ihrem Kopf vorging. Ach herrje …
Fellows Training wurde auch an diesem Tag fortgesetzt. Hanne sah zu, wie Daniel und Clara mit ihm umhergingen. Und schließlich gab es offenbar viel zu diskutieren, was mit ihm alles geübt werden sollte, um sein Vertrauen weiterhin zu stärken.
Am Mittwoch hatte Clara ihren nächsten Termin bei Dr. Teichmann. Ich fuhr sie und Hanne am Morgen zum Bahnhof. Hanne reiste einen Teil der Strecke mit ihr, denn sie hatte wieder ein Seminar zu geben. So war ich einigermaßen beruhigt, überhäufte meine genervte Tochter jedoch mit guten Ratschlägen für die Rückfahrt und fühlte mich dann im Auto auf dem Weg zum Hof, als sei mir ein Körperteil amputiert worden.
Sechs Wochen lang waren Clara und ich ununterbrochen zusammen gewesen. Ohne ihre schmale Gestalt an meiner Seite fühlte ich mich einfach nicht vollständig. Es war wie damals, als sie noch klein und vollkommen von mir abhängig gewesen war. Ich hatte sie mit mir herumgetragen, neben ihr geschlafen und, wie mir schien, ununterbrochen ihr süßes kleines Gesicht betrachtet. Steffen, der von unserer Tochter ebenso entzückt gewesen war wie ich, hatte schon scherzhaft gemeint, dass wir aufpassen müssten, damit Clara und ich nicht versehentlich an irgendeiner Körperstelle zusammenwuchsen.
Ich sah sein Gesicht vor mi