Umkämpfte Erinnerung
Wer war Matthias Erzberger? Mit dieser Frage konfrontierte das Haus der Geschichte Baden-Württemberg im Sommer 2004 Passanten in Stuttgart und Münsingen, zu dem Erzbergers Geburtsort Buttenhausen heute gehört. Ziel war es, kurz bevor für Matthias Erzberger (1875 1921) in seinem Elternhaus auf der Schwäbischen Alb eine Erinnerungsstätte eröffnet wurde, Äußerungen über diesen Wegbereiter der Demokratie zu sammeln.
Abb. 1: Matthias Erzberger vor 1918.
Viele konnten mit dem Namen Erzberger überhaupt nichts anfangen. Andere stellten Verbindungen zum Ende des Ersten Weltkrieges und der Unterzeichnung des Waffenstillstandes von Compiègne her und wussten, dass Erzberger zu Beginn der Weimarer Republik von rechten Kreisen bei Bad Griesbach im Schwarzwald ermordet wurde. Dass Erzberger einer der bedeutendsten Finanzreformer der deutschen Geschichte war, nannte keiner der Befragten. Die Interviewer erhielten aber auch ganz ausgefallene Antworten. Ein älterer Herr erklärte, selbstverständlich kenne er Erzberger. Das sei doch der Jude aus Buttenhausen, der ist 1936 nach Amerika emigriert, der Rest seiner Familie hat s wohl nicht geschafft, die Nazis haben sie dann umgebracht!
Auch wenn diese Antwort ebenso falsch war wie die Umfrage nicht repräsentativ, so spiegelten sich doch selbst in dieser Äußerung unterschiedliche Schichten der wechselvollen Erinnerung an diesen 1921 ermordeten Wegbereiter der Demokratie in Deutschland, der einer der umstrittensten Politiker seiner Zeit war.
Abb. 2: Eine schwäbische Nudelfirma warb bis zum Zusammenbruch in der Weltwirtschaftskrise mit dem Porträt Erzbergers.
De mortuis nihil nisi bene dieses geflügelte Wort , nachdem nicht schlecht über Tote zu sprechen ist, galt für die Erinnerung an Matthias Erzberger nicht. Vielmehr schrieben sich die tiefen Verwerfungen der deutschen Gesellschaft nach dem Ersten Weltkrieg und die politische Polarisierung zwischen rechten und linken Gegnern der Demokratie sowie Befürwortern der Weimarer Republik in die Deutungen des ermordeten Zentrumspolitikers ein und prägten die Erinnerung an Erzberger bis ins 21. Jahrhundert. So sollte der erste Erzberger-Biograf, der württembergische Zentrumspolitiker Ernst Bauer, damit recht behalten, wenn er 1925 seinem kleinen Büchlein die Verse Von der Parteien Gunst und Haß verwirrt, schwankt sein Charakterbild in der Geschichte aus dem Prolog von Schillers Wallenstein voranstellte.
Schon für die ersten Reaktionen auf die Ermordung Erzbergers gilt diese Einschätzung Bauers. Denn das Attentat löste auf der Rechten bis in die Mitte der Gesellschaft hinein Jubel aus, während bei der demokratischen Mitte und auf der Linken Empörung und Entsetzen vorherrschten. Diese Polarisierung hielt sich auch in den folgenden Jahren.
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