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Eine schmale Straße führte durch ein Tor zum Gutshaus. Das Tor bestand aus einem eisernen Gatter, das zwischen zwei runden Backsteintürmchen eingehängt war. Links und rechts der Türmchen gab es weder eine Mauer noch einen Zaun. Das Tor war ein Symbol, mehr nicht. Wer hindurchwollte, musste lediglich einen Riegel öffnen und die beiden Flügel des Gatters aufschieben. Dann brauchte man nur noch der grobgepflasterten Auffahrt zu folgen, bis man vor dem Hauptportal des Guts stand.
In zwei oder drei Monaten, wenn es taute, würde die Straße für eine Weile unbefahrbar sein: eine Schlammpiste, die von Pferdehufen zerwühlt und von Wagenrädern zerfurcht worden war. Im Sommer würde sie dann steinhart sein, und der beständige Wind würde den Sand von den Füßen der Reisenden wehen. Der Herbst würde dann wieder den Schlamm bringen. Jetzt, im Winter, genauer gesagt im Januar dieses neuen Jahres 1840, war die Erde so hart wie im Sommer.
Alvin von Briest stand allein in der Tordurchfahrt und schaute die Straße entlang. Das Land hier, westlich von Berlin, war so flach, dass Alvin immer das Gefühl gehabt hatte, heute schon sehen zu können, wer morgen ankommen würde.
Die testamentarischen Regelungen, die sein Vater getroffen hatte, hatte er allerdings nicht auf sich zukommen sehen.
Vom Gutshaus her hörte er Musik an sein Ohr dringen. Wahrscheinlich hatte der Schultheiß ein paar Wandermusikanten engagiert. Von denen gab es viele. Die Zeiten waren nicht besonders gut. Fünfundzwanzig Jahre war der Krieg gegen Napoleon schon her, und Preußen hatte sich immer noch nicht davon erholt. Die meisten Musikanten beherrschten ihre Instrumente nicht; sie waren nur eine Ausrede, damit sie nicht einfach nur betteln mussten. Diese hier konnten auch nicht damit umgehen. Selbst auf die Entfernung hörten sich die Lieder zu Ehren des verstorbenen Gutsbesitzers nach Katzenjammer an.
Alvins Vater hatte alles richtig gemacht in seinem Testament. Er hatte gehandelt wie ein preußischer Junker, dessen Aufgabe es war, das Land zusammenzuhalten, das Erbe nicht zu zersplittern. Er hatte gehandelt wie der unumschränkte Familienpatriarch, der er bis zu seinem letzten Atemzug gewesen war. Alvin wusste das. Er fühlte sich trotzdem bis tief in sein Innerstes verletzt.
Der alte Briest hatte alles seinem erstgeborenen Sohn Levin vermacht. Alles. Falls ihm bei der Abfassung seines Testaments überhaupt eingefallen war, dass er noch einen Sohn hatte, hatte er diese Erkenntnis erfolgreich verdrängt.
Levin war der alleinige Herr von Gut Eichenhain bei Guben in Pommern sowie der alleinige Herr von Gut Briest hier im Jerichower Kreis. Alvin war der Herr über – nichts. Noch nicht einmal sein eigenes Leben, wenn man es genau nahm, weil man Geld brauchte, um ein eigenes Leben zu führen, und Geld hatte er keins. Kein Geld – keine Chancen. Auch nicht für den Sohn eines der ältesten und vornehmsten Geschlechter Preußens. Das Jahr 1840 hatte eben erst angefangen, doch für Alvin von Briest war es schon zu Ende. Sein ganzes Leben war zu Ende,