: Kaja Stern
: Notärztin Andrea Bergen 1262 Unterm Tannenbaum geboren
: Verlagsgruppe Lübbe GmbH& Co. KG
: 9783732504732
: Notärztin Andrea Bergen
: 1
: CHF 1.80
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: Erzählende Literatur
: German
: 64
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB

'Lass mich raus, Gregor! Bitte!' Verzweifelt hämmert die hübsche Anna gegen die Tür des Badezimmers, doch dahinter bleibt alles still. Dr. Gregor Borger hat das Haus bereits verlassen und ist in seinem schweren Wagen zornig davongebraust. Längst ist er auf dem Weg zu seiner Frau Simone - und zu der Weihnachtsfeier im trauten Familienkreis! Die ihm lästige Geliebte hat er kurzerhand in ihrem Haus eingeschlossen. Niemand hört die Rufe der jungen Frau, die langsam panisch wird. Denn die Fruchtblase ist geplatzt, und eine wässrig klare Flüssigkeit hat sich über die Fliesen ergossen. Als die Wehen in immer kürzer werdenden Abständen über sie hinwegrollen, bricht Anna in verzweifeltes Schluchzen aus: Kein Zweifel, ihr Baby will noch heute, am Heiligen Abend, zur Welt kommen - und sie ist allein, von aller Welt vergessen und ohne jede Hilfe ...

»Das haben Sie gut gemacht!«, sagte Anna Wieland und strich der alten Dame über den Arm. »Legen Sie den Ball jetzt auf den Tisch, und versuchen Sie als Nächstes, ihn mit gestrecktem Arm aufzuheben!«

Die junge Ergotherapeutin beobachtete Else Weber dabei, wie sie die Übung mit ihrer teilweise gelähmten Hand bewältigte. Kurz glitt ihr Blick aus dem Fenster in den anliegenden Park des Elisabeth-Krankenhauses. Novembergrauer Nebel hing in den kahlen Bäumen.

Anna liebte ihren Beruf und hätte ihn um nichts in der Welt tauschen mögen. Doch würde sie bald pausieren müssen. Seit einiger Zeit schon konnte sie ihren wachsenden Bauchumfang nicht mehr unter großen Pullovern verbergen, und das zunehmende Gewicht machte ihr von Woche zu Woche mehr zu schaffen. Da sie nicht fest im Krankenhaus angestellt war, sondern selbstständig arbeitete, war sie wenigstens in der Lage, den Zeitpunkt ihrer Babypause noch ein wenig hinauszuzögern.

»Soll ich die Übung wiederholen?«, fragte Else Weber nun.

»Wir sind leider am Ende der Stunde angelangt.« Anna schenkte ihr ein bedauerndes Lächeln und fischte den Terminkalender aus ihrer Umhängetasche. »Aber morgen bin ich ja wieder bei Ihnen. Für heute lasse ich Ihnen ein Spiel zum Üben hier.«

Sie holte ein kleines Holzbrett mit mehreren Einbuchtungen aus ihrer Tasche und legte einige Spielsteine daneben.

»Versuchen Sie, die Steine so in die Löcher zu setzen, dass sie nicht umkippen! Und nur Mut, wenn es am Anfang noch nicht so recht klappen will!«

»Darauf können Sie sich verlassen«, sagte Else Weber und sah ihr Gegenüber verschmitzt an. »Ich gebe nicht so schnell auf! Schließlich will ich an Heiligabend das Festmenü ganz ohne Hilfe meiner Familie essen können, selbst wenn es etwas länger dauern sollte.«

»Patienten wie Sie habe ich am liebsten!« Anna erhob sich schwerfällig vom Besucherstuhl. Sie ergriff Else Webers Hand zum Abschied.

»Ich freue mich immer auf Ihren Besuch«, sagte die alte Dame und legte ihre andere Hand auf Annas. »Liebchen, wann ist es denn bei Ihnen so weit? Wird es ein kleines Christkind?«

Anna versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, dass ihr die Tränen in die Augen stiegen.

»Der errechnete Termin ist der zwölfte Januar«, antwortete sie mit zittriger Stimme.

»Darf ich?« Else Webers faltige Hand glitt über Annas Bauch,