Kapitel 1
Frankfurt, im Sommer 1535
Die Erde ist ein Jammertal und das Leben ein Graus.» Pater Nau nickte traurig zu seinen Worten und goss sich einen weiteren großzügigen Schluck des guten Dellenhofener Rotweins ein. Er hob den Becher, spitzte vorfreudig die Lippen, aber Gustelies war schneller und entriss ihm den Wein. «So weit kommt es noch, dass du schon vor dem Frühstück den Weinkrug hernimmst.»
Pater Nau verzog weinerlich den Mund. «Das ist alles deine Schuld», maulte er. «Du lässt mich ja immer alleine. Du hast mich verlassen. Krank und im Alter. Und keiner ist da, der mir Frühstück macht. Welche Freuden habe ich denn noch außer dem Wein?»
Gustelies pustete sich eine Haarsträhne aus der Stirn. «Du hast zwei gesunde Hände. Du weißt, wo die Speisekammer ist. Dort findest du Brot und Butter und alles, was du sonst noch so brauchst, wenn ich einmal nicht da sein sollte. Jetzt aber bin ich ja da.»
«Ich will aber nicht nur Brot und Butter, ich will meine Hafergrütze.» Pater Nau langte nach dem Becher, doch wieder war Gustelies schneller und goss den Wein mit viel Schwung durch die offene Küchentür auf ihr Kräuterbeet. «Du warst einverstanden, als ich dich fragte, ob ich beim Goldschlag Henn einziehen kann. Ja, du hast mir sogar zugeraten, mit ihm zusammenzuleben. Nun, ich habe getan, was du mir gesagt hast.»
«Ja, aber ich wusste nicht, dass duIHM jetzt die ganzen leckeren Sachen kochst und ich dabei leer ausgehe.»
«Jetzt reicht es.» Gustelies stemmte die Fäuste in die Hüften und funkelte Pater Nau empört an. «Ich komme jeden Tag, bringe dir etwas frisch Gekochtes. Ich wasche deine Wäsche, kaufe für dich ein und putze sowohl das Pfarrhaus als auch die Kirche. Ich denke nicht, dass du auch nur einen einzigen Grund zur Beschwerde hast.» Sie sah sich erbost in der Küche um. Der Tisch war mit Krümeln und Flecken übersät, dazwischen stand ein Tintenfass mit eingetunkter Feder, und ein paar weiße Blätter lagen kreuz und quer herum. Ein Weinkorken war gegen das heruntergebrannte Talglicht gerollt. Die Wassereimer waren ebenso leer wie der Holzkorb, und die Herdstelle lag voller Asche. Auf dem Bord mit dem irdenen Geschirr zeigte sich eine dünne Staubschicht, über den Küchenboden zog sich eine Spur verschütteten Rotweins, und der Pater selbst sah nicht viel besser aus. «Wann hast du dich zum letzten Mal rasiert?», wollte Gustelies wissen.
Der Pater langte unauffällig nach dem Weinkrug und zog ihn dichter zu sich heran. «Vielleicht vorgestern oder am Freitag. Ich weiß es nicht mehr. Aber ich bin alt und krank und immer allein. Immer! Und meistens ist mir auch noch langweilig dabei.»
Gustelies schnaubte. «Ich bin ein Jahr älter als du, ich hab’s im Kreuz und in den Beinen und führe zwei Haushalte.» Sie hielt zwei Finger nach oben, dann wurde sie ernst: «Du lässt dich gehen, Bernhard. Du isst nicht richtig, deine Soutane hat Flecken, dein Haar ist nicht gekämmt, und deine Augen sind röter als ein frisches Stück Rindfleisch. Das geht so nicht mehr weiter. Du machst mir das Leben schwer.» Sie sann einen Augenblick lang nach, dann sprach sie zu sich selbst mit einem abgrundtiefen Seu