Seine Neugier war verständlich, denn was machte wohl ein sechs- oder siebenjähriges blondes Mädchen mit keltisch anmutenden Zöpfen allein im Libanon?
„Ich heiße Christa“, erhielt er zur Antwort.
Die kräftigen Sonnenstrahlen, die das Wasser am Ufer noch verstärkte, erhellten ihr bleiches Gesicht. Ein paar kleine Sommersprossen auf jeder Wange gaben dem Mädchen etwas Keckes.
„Christa, es ist schon etwas spät. Möchtest du nicht lieber erst morgen weiter und die Nacht hier verbringen?“, schlug der Thraker vor.
Dabei dachte er auch an den starken Wind, aber dieser hatte urplötzlich abgenommen, so dass jetzt eineunerwarteteStille herrschte.
„Nein, das kann ich nicht, denn in Jerusalem wartet man bereits auf mich“, entgegnete die Kleine.
Dimitros spürte, dass er nicht mehr das Recht besaß, weiter zu fragen.
„Dann laßuns gehen!“, sagte er nur noch und senkte zeitgleich Kopf und Stimme.
Das ungleiche Paar machte sich schweigend,alskennees sich schon eine Weile,auf den Weg zum Ufer. Dimitros zog seine Ledersandalen aus und ließsie an einem Holzpfahl, der ihm ansonsten auch zum Anbinden von Vieh diente, zurück. Der Pflock stand an einer kleinen,unscheinbaren Biegung des Flusses. Dort gelangte die Strömung nicht hin. Daher stand das Wasser fast still, diente als sichere Viehtränke undsichereEinstiegsstelle gleichzeitig. Gleichwohlwar das andere Ufer in guter Sichtweite. Mit ruhigem Gewissen konnte Dimitros hier sein Schuhwerk zurücklassen. Ihm war nie etwas gestohlen worden, und er selbst hatte nie in seinem Leben gestohlen oder irgendetwas Unrechtes getan. Auch kannte er selber das Böse nur vom Hörensagen. Drum ließer seine Sandalen immervoller Gottvertrauenam selben Ufer zurück, bereit, sie nach getaner Arbeit wie ein paar alte Weggefährten wiederzutreffen. Dieser Ritus hatte sich tausende Male wiederholt. Er zurrte sich das Wams fest und nahm das Mädchen auf die Schulter. Dazu drehte er seine Handgelenke zum Himmel, griff ihr unter die Achselhöhlen und hievte sie senkrecht vor sich nach oben. Dann ließer sie mit ausgestreckten Armen ein wenig nach unten auf seinen Nacken gleiten. Feingliedrig wie sie war, kam es ihm vor, als trüge er ein neugeborenes Lämmchen um seinen Hals gewickelt, so leicht war ihm die Last. Er vergewisserte sich, dass sein Furtgast bequem saß<