»Prima hast du das heute wieder gemacht, Timo«, lobte Valerie Karmen, die Reittherapeutin im Reit- und Therapiehof Wilmenthal, ihren elfjährigen Klienten, während sie ihn auf seinem Therapiepferd in die Reithalle zurückführte. »Deine Atemtechnik war diesmal ganz im Einklang mit Silvios Bewegungen.«
»Hat auch wieder Spaß gemacht«, erwiderte Timo strahlend. Seine Sprache klang noch etwas verwaschen, jedoch schon wesentlich besser als am Anfang seiner Therapie.
In der Halle war es warm, und es roch nach Pferden, nach Heu und Erde. Valerie liebte diesen Geruch. Und sie liebte Pferde und ihren Beruf.
Nach ihrer Ausbildung zur Physiotherapeutin hatte sie eine Zeit lang im Elisabeth-Krankenhaus gearbeitet, bis sie noch eine Zusatzausbildung zur Reittherapeutin absolviert hatte. Seitdem war sie am Reit- und Therapiehof Wilmenthal beschäftigt. Sie war auf Hippotherapie für behinderte Menschen und heilpädagogisches Reiten spezialisiert, ein Zweig der Physiotherapie, der ihr als Pferdeliebhaberin und passionierter Reiterin besonders lag. Ihr Beruf machte ihr große Freude, und ihre Klienten liebten sie, besonders die Kinder.
In der Halle führte sie Timo noch ein paar Mal im Kreis herum. Bei einem schweren Sturz von seinem BMX-Rad hatte er sich üble Kopfverletzungen zugezogen, da er ohne Helm gefahren war. Seine Sprachstörungen rührten daher, dass auch das Gehirn in Mitleidenschaft gezogen war. Das Therapiereiten sollte nun helfen, die linke Hirnhälfte, wo sich das Sprachzentrum befand, durch die Bewegungen des Pferdes wieder zu aktivieren. Hauptsächlich sollte bei Timo die Feinmotorik gestärkt werden, aber auch die Motorik im Allgemeinen.
Außer ihnen befand sich noch ein weiterer Reiter in der Halle, ein älterer Mann mit Parkinson, der von Valeries Kollegin Sarah therapiert wurde.
Sie hatten gerade die dritte Runde beendet, als Timos Mutter kam, um ihn abzuholen. Valerie half dem Jungen vom Pferd.
»Mama, ich war heute richtig gut, hat Valerie gesagt«, berichtete er voller Stolz.
Seine Mutter drückte ihn an sich. »Du klingst auch schon viel besser, mein Schatz. Die Therapie scheint wirklich zu helfen«, fügte sie an Valerie gewandt hinzu und lächelte.
Valerie nickte. »Das rhythmische Wiegen des Pferdes sorgt nicht nur für eine Vernetzung der Hirnhälften, was sich auf das Sprachzentrum sehr positiv auswirkt, es hat auch einen großen Einfluss auf den Atemrhythmus. Die Sprechgeschwindigkeit wird ebenfalls angepasst.«
Timo Mutter nickte. »Das fand ich auch so interessant an der Sache. Seine Logopädin hat sich übrigens sehr lobend über seine Fortschritte ausgesprochen.«
»Ich weiß, darüber freue ich mich auch sehr. Erfolg auf der ganzen Linie, das ist doch toll. Nicht wahr, Timo?« Valerie verwuschelte ihm